Der Kalifatismus

Eine der Fehlvorstellung, die heute unter vielen Muslimen verbreitet ist, ist die Annahme, der Prophet ﷺ hätte einen Staat gegründet. Abgesehen davon, dass es das Konzept Staat, wie wir es heute kennen, erst seit dem 17. Jh. gibt, ist diese Annahme falsch, denn wenn wir einen Blick in die uns heute vorhandenen Quellen über die Biographie des Propheten ﷺ werfen, dann finden wir nichts von einem Staat oder einer Herrschaft. Der Prophet war weder ein Staatsführer noch Herrscher über ein Reich, es gab keine klaren Grenzen, keine organisierte Armee, keine Ämter. Natürlich ist der Prophet ein Gesandter Gottes, der auch die normative Seite des Islams seinen Anhängern erklärte und auch dafür Sorge trug, dass diese mehr oder weniger eingehalten wird, falls es dabei um Normen ging, die das öffentliche Leben betreffen. Allerdings macht die Tatsache, dass der Prophet ﷺ Kriege gegen seine Gegner, die ihn und seine Gemeinde verfolgten, geführt hat, die Marktregeln bestimmte und Rechtsurteile traf, aus ihm längst keinen weltlichen Herrscher. Denn solche Tätigkeiten haben zahlreiche andere Stammesoberhäupter in der damaligen arabischen Halbinsel in ihren Gemeinden, Stämmen und Oasen ausgeübt. Es muss hier klar zwischen einem Oberhaupt einer Gemeinde und einem Herrscher bzw. König unterschieden werden. Der Prophet selber sagte deutlich: „Ich bin kein König/Herrscher. Ich bin lediglich der Sohn einer Frau aus dem Stamm Quraysch, die trockenes Fleisch zu essen pflegte.“

Medina war eine einfache Stadt, mit einfachen Strukturen und Infrastrukturen. Außerhalb Medinas hat sich der Prophet ﷺ kaum in die Verwaltung anderer Städte und Oasen eingemischt. Nur die Loyalität gegenüber den Muslimen gegen ihre damaligen Gegner sowie das Abgeben der Zakat hatte man damals von den anderen Stämmen erwartet. Ansonsten waren sie wirtschaftlich und politisch ziemlich unabhängig.

Die anfänglichen Züge einer Herrschaft findet man frühestens bei den ersten Nachfolgern des Propheten, insbesondere unter der Leitung von Sy. Umar, welcher u.a. Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen vom Persischen und Byzantinischen Reich übernommen hat. Die Übernahme dieser Strukturen hat sich noch im umayyadischen Reich intensiviert. Das ist ein Phänomen, welches sich im Laufe der Geschichte oft wiederholte, wenn neue Reiche die alten Reiche ersetzten.

Was aber in diesem Zusammenhang wichtig ist, ist, dass die frühen Muslime pragmatisch waren. Die Übernahme der Steuerverwaltung, Münzprägung, Armeestrukturen von den Byzantinern oder des Diwan-Systems und Richterämter von den Persern sind nur Beispiele dafür, dass die Herrschaftsform damals einfach ein Kind ihrer Zeit war. Denn nirgendwo im Koran noch in der Sunna des Propheten wird über die Form einer Herrschaft gesprochen. Es gibt keine Stellen, die uns vorschreiben, wie ein Land, Reich oder eine Herrschaft aussehen, geschweige denn wie sie strukturiert sein sollen.

Die Herrschaftsformen waren und sind stets im Wandel, je nach Zeit, Raum und Kontext, in welchen diese Reiche entstanden und untergingen. Der Wandel ist sogar im arabischen Begriff, welchen man für Herrschaft/Staat verwendet, inbegriffen. Der Wandel wohnt sozusagen der Herrschaft inne. Dawla stammt von der Wurzel d-w-l, was räumlicher Wandel bedeutet. 1

Die Herrschaft Sy. Umars war nicht eins zu eins wie die Herrschaft der Umayyaden und die Abbasiden waren anders organisiert als die Umayyaden, das Moghulenreich anders als das Osmanische Reich, ja sogar das frühe Osmanische Reich war anders organisiert als das späte Osmanische Reich. Das ist das Natürlichste auf der Welt. Wer glaubt, es gäbe eine klare Herrschaftsform „im Islam“, hat keine Ahnung, weder vom Koran und der Sunna noch von der Geschichte.

Man kommt oft mit vermeintlichen Konsensen – die aus ihrem historischen und normativen Kontext herausgenommen werden –, dass man einen Kalifen für alle Muslime ernennen soll und dass, falls das nicht passiert, die Muslime sündigen würden. Wenn in den Werken mancher Theologen steht, dass es eine Pflicht ist, einen „Imam“ im Sinne eines politischen Regenten zu haben, dann meinen sie damit lediglich zwei Dinge: 1– Es muss eine politische Struktur geben bzw. ein Oberhaupt geben, das heißt, es darf keine Anarchie geben. 2– Es muss eine Struktur geben, die für Recht und Sicherheit sorgt, die zwei Fundamente jeglicher Herrschaftsform. In der Zeit vor der Moderne kannten sowohl die Muslime als auch die Nichtmuslime nur einige Herrschaftsformen wie die Monarchie oder die Tyrannei und deswegen haben die Herrschaftstheoretiker die Führung (Imama) anhand der ihnen damals bekannten Herrschaftssysteme ausgelegt und nicht, weil es im Koran oder in der Sunna steht. Anders gesagt – nicht ein Amt namens Kalif, Sultan oder Imam ist an sich gewollt und bezweckt, sondern die Ordnung, Gerechtigkeit und Sicherheit. Sind sie gewährleistet, dann ist alles ok.

Es gibt allerdings einige Sekten wie z.B. die Hizb at-Tahrir und andere Gruppen, die den jungen Muslimen einen ahistorischen Traum von einer vereinten „Umma“ unter der Leitung eines Kalifen verkaufen. Sekten, die den Leuten erzählen, dass die Existenz eines Kalifen an sich eine Pflicht und Fundament der Religion ist. Das ganze Religionsverständnis dreht sich bei ihnen um diesen Mythos, als sei es ein Teil des Glaubensbekenntnisses. Ich frage mich, wenn es so wichtig ist, warum erwähnt Gott nirgendwo explizit im Koran, dass man ein Kalifat braucht? Warum erzählt uns Gott nicht ebenso, wie dieses Kalifat aussehen soll? “Wir ließen in der Schrift nichts fort.“ 6:38.

Fakt ist, wer den Menschen von ach so wichtigen Grundlagen des Islams erzählt, die keine Erwähnung in der Hauptquelle dieser Religion finden, führt die Menschen mit diesem ideologischen Unsinn einfach in die Irre. Haben diese Sekten die Geschichte nicht gelesen? Haben sie nicht gelesen, dass drei Kalifen ermordet wurden? Haben sie nicht gelesen, dass es seit den Umayyaden keinen einheitlichen Herrscher für alle Muslime gab und dass die Muslime das gar nicht nötig hatten? Haben sie nicht gelesen, dass es immer separate Königreiche, Reiche und ironischerweise auch sogenannte Kalifate gab? Haben sie nicht gelesen, dass es Zeiten gab, wo ein Kalif in Bagdad, ein anderer in Cairo und ein weiter in Cordoba saß? Haben sie nicht gelesen, dass es zahlreiche kleine Königreiche in Afrika, Zentralasien, Südostasien gab? Wen wollt ihr denn veräppeln mit eurem Disneyland-Kalifat-Friede-Freude-Eierkuchen-Mythos?! Oder nutzt ihr nur die Unwissenheit der Menschen bezüglich der Geschichte aus?

Und nein, das Kalifat ist nicht die Lösung für die Probleme der Muslime. Anscheinend kennen die meisten nicht die Biographien der meisten Herrscher und sogenannten Kalifen im Laufe der Geschichte. Eigentlich ist der Unterschied zwischen dem Sultan von Aghraba (in Aladin) und vielen anderen Sultanen der Umayyaden, Abbasiden, Osmanen und anderen, dass der Sultan von Aghraba vielleicht prüde war. Denn es waren nicht wenige Sultane, die Wein, Weib und Gesang als Lebensmotto hatten. Aber vielleicht lohnt es sich, in einem Extraartikel einige „interessante“ Seiten „der Kalifen“ zu beleuchten.

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  1. 1 Ibn Fāris, Abū al-Ḥusayn: Maqāyīs al-Luġa, Beirut: Dār al-Fikr 1979, Bd. 2, S. 314.