Die Angst vor Veränderung

Eines der Prinzipien, das  der Welt innewohnt, ist der Wandel. Die Veränderung betrifft alle Formen und Erscheinungen des Seins. Im Koran lesen wir: „Alles ist vergänglich außer Seiner Wirklichkeit“ (28:88). Nach dem osmanischen Gelehrten Karabaş Veli (gest. 1686) ist die Vergänglichkeit kein Ereignis, das zu einem späteren Zeitpunkt eintritt, sondern ein dauerhafter Zustand von allem außer Allah. Wir sind die Vergänglichkeit. 

Allah, erhaben ist Er, zeigt sich selber in dieser Vergänglichkeit, denn Er nimmt die Formen der Welt an, durch welche Er sich fortdauernd zeigt. Dazu sagt Allah über sich selbst im Koran, wenn wir die Stelle 55:29 wortwörtlich nehmen: „Jede Zeit ist Er in einem Zustand (fi-scha’n)“. Die ständige Veränderung und die Flüssigkeit von allen Formen führen unmittelbar dazu, dass wir Menschen auch diesem Wandel unterliegen.    

Jedoch herrscht bei vielen Menschen eine Angst vor Veränderung, eine Art Verherrlichung des Alten. Vergangenheit wird in dieser Vorstellung sehr dicht an der Wahrheit gedacht. So eine Einstellung kann allerdings dazu führen, dass man sich dem „Neuen“ nicht öffnet oder das Alte nicht in Frage stellt. Es kann auch dazu führen, dass man das Göttliche im „Neuen“ nicht wahrnimmt. 

Wir sind im Wandel und wir verändern uns. Wir verändern uns innerlich und äußerlich. Unsere Überzeugungen sind von unserem Dasein und von unserem Leben beeinflusst. Das gilt für jeden einzelnen Menschen. Eine Überzeugung kann man nicht vortäuschen, denn entweder ist sie tief in uns da oder eben nicht. Man kann natürlich sich selbst und anderen etwas vormachen, dass man von etwas überzeugt ist. Aber ist die bloße Vortäuschung eine Überzeugung? Das kann man nur herausfinden, wenn man seine Überzeugungen auch in Frage stellt. 

Im Koran lesen wir in Sure al-Isra’, Vers 36: „Und folge nicht dem, wovon du kein Wissen hast!“ Wissen kann hier sowohl im Sinne von wahrem Wissen als auch von begründeter Meinung verstanden werden. Denn an einer anderen Stelle im Koran lesen wir: „Und wer neben Allah einen anderen Gott anruft, für den er keinen Beweis hat, dessen Abrechnung liegt nur bei seinem Herrn“ (23:117). Imam Ibn al-ʿArabī (gest. 1240) versteht diese Stelle so, dass Gott lediglich jene kritisiert, die einfach ohne Beweis weiteren Gottheiten neben ihm dienen. Ist eine Person aber von einem Beweis überzeugt, dass es andere Gottheiten gäbe, auch wenn dieser Beweis in Wirklichkeit gar keiner ist, dann wird diese Person für ihre Überzeugung nicht getadelt. Denn sie hat die Wahrheit gesucht, aber ihre Beweisführung war falsch. Was allerdings bei Allah verpönt ist, ist einfach das bloße Befolgen ohne wirkliche Überzeugung. 

Wenn nach Ibn al-ʿArabī sogar der Polytheismus, welcher auf einer Wahrheitssuche und Wahrheitsliebe beruht, entschuldigt werden kann, dann gilt das erst recht für die anderen Überzeugungen. Das heißt, das kritische Denken und die Wahrheitsliebe – auch wenn sie zu falschen Überzeugungen führen würde – ist besser als das bloße Nachahmen. Es ist ebenfalls besser als die fanatische Befolgung von Vorstellungen, nur weil sie in einem Milieu als Wahrheit gelten, in welchem man sozialisiert wurde. 

Allerdings werden wir, wenn wir unsere Überzeugungen und unsere Ansichten verändern, nicht selten von unseren Glaubensgeschwistern mit Verdacht und Skepsis beäugt. Ihre Kritik lautet indirekt „Wie kann man das Alte, das Erzählte, das als wahr – oder gar als einzig wahr – Betrachtete in Frage stellen, oder gar verlassen?“.  Die Vorstellung aber, dass der Mensch konstant bleibt, ist eine Illusion.

Die Angst davor, dass sich andere Menschen verändern oder ihre Überzeugungen in Frage stellen, ist eigentlich eher eine Angst vor sich selbst. Es ist die Angst davor, dass man sich mit dem, was man als absolut wahr betrachtet, kritisch auseinandersetzt. Nicht selten wird man gerade von jenen Menschen angegriffen, mit denen man früher gemeinsame Überzeugungen teilte. In ihrer Denkweise werden die Überzeugungen nicht als etwas, was aus und in uns entsteht, gedacht, sondern als ewige Wahrheiten, die man auf keinen Fall kritisch betrachten darf.

Eines der Phänomene, das die muslimische Gemeinde heute plagt, ist eine Club-Mentalität, die zu einem religiösen Hooliganismus ausarten kann. Wir haben unter Muslimen teilweise sektenartige Organisations- und Denkstrukturen, die davon überzeugt sind, dass die Wahrheit nur innerhalb der eigenen Gruppe oder Organisation zu finden sei. Jeder Versuch, eine Gruppe, eine Person oder eine Idee zu hinterfragen, wird als ein Angriff auf die Wahrheit wahrgenommen. In diesen Strukturen herrscht eine Kultur der Angst und der Warnung. Es wird ständig vor anderen Personen, vor anderen Ideen, ja sogar vor dem Denken insgesamt gewarnt. In Wahrheit warnen sie aber nur vor sich selbst.

Dieser Text erschien zuerst als Gastbeitrag auf der Seite Freitagsworte