DIE GÖTZENDIENER

Das, was wir Gott nennen, ist ein Konstrukt und eine Imagination von uns. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass Gott nicht existiert, sondern vielmehr, dass egal, was wir Menschen uns unter dem Begriff „Gott“ oder „Schöpfer“ vorstellen, diese Vorstellung stets ein Produkt des eigenen Selbst bleibt. Sie sagt eher mehr über uns selbst als über Gott aus. Zu Ende gedacht bedeutet das, dass unser Lobpreis nichts anderes als ein unbewusstes Eigenlob ist und dass die eigene „Gottesvorstellung“ eine Skizze von uns ist. Aber natürlich gibt keiner dies zu. Unser Verhalten gegenüber anderen Gottesvorstellungen verrät uns allerdings. Dass die Menschen die Glaubensvorstellungen anderer ablehnen oder kritisieren, ist ein Hinweis darauf, dass wir unser Selbst als Maßstab nehmen.

Diejenigen, die Gott in einer Glaubensvorstellung festlegen wollen, leben in der Illusion, dass auf Gott nur ein einziger richtiger Glaubenssatz zuträfe. Aus diesem Grund sind sie auch jene,  die sich gegenseitig Verleugnung (kufr) vorwerfen und sich gegenseitig verfluchen. Den Grund, der dazu führt, gab es seit Jahrhunderten und er besteht auch in unserer Zeit, nämlich die exklusivistische Rationalität, welche nicht in der Lage ist, die göttliche Vielfältigkeit zu erkennen.

Gott lässt Sich nicht in einer bestimmten Definition oder in einer einzigen Vorstellung eingrenzen. Er wäre ja nicht absolut, wenn dies möglich wäre. Nicht ohne Grund sagen wir mehrmals am Tag, dass Gott größer ist. Er ist größer als Alles, was wir uns vorstellen können und erhabener als Alles, was wir glauben.

Ferner brauchen die Menschen die Imagination. Wir brauchen ein imaginiertes Bild von Gott. Das ist eine Erkenntnis, die nicht von atheistischen Religionswissenschaftlern stammt, sondern etwas, was die Sufis seit immer bestätigten. Falsch ist nicht die eigene Imagination, sondern eher, zu denken, dass die eigene Vorstellung die einzig richtige sei.

Der Auserkorene, sallallahu alayhi wa-sallam, sagte: „Diene Gott, als ob du Ihn siehst“, und danach sagte er: „und wenn du Ihn nicht siehst, dann sieht Er dich.“ Die beiden Sätze sprechen unsere Imagination an. Der Auserkorene spricht im ersten Satz von einem als ob. Es ist, als würde er sagen „diene Allah und stelle dir vor, dass du Ihn siehst“. Denn nicht jeder Mensch ist in der Lage, Gott zu abstrahieren. Das ist aber kein Problem. Denn die Sphäre der Imagination ermöglicht jedem, einen Anteil am Verständnis der göttlichen Botschaft zu haben. Wenn man hingegen die Unähnlichkeit Gottes sowie die Unsichtbarkeit Seines Wesens begreift, dann ist man in diesem Fall durch das zweite Gebot angesprochen und zwar, dass man wissen soll, dass Gott uns sieht. Auch hier ist die Imagination ein Erkenntnismittel. Der einzige Unterschied zwischen den zwei Geboten liegt darin, dass die Imagination im zweiten Gebot subtiler ist. Denn in dem Moment, in dem wir uns vorstellen, dass Gott uns von außen sieht, haben wir Ihn von unserem Wesen getrennt. Und genau diese Trennung ist eine Art Begrenzung und Limitierung, wobei man trotzdem weiß, dass nichts wie Seinesgleichen ist. Man hat somit nicht die Sphäre der Imagination verlassen.

Die Imagination wird allerdings in unserer Zeit als etwas wahrgenommen, was der Illusion gleicht. Die Imagination und der Verstand sollen eher Hand in Hand gehen. Die Imagination ermöglicht jedem von uns seine Glaubensvorstellung zu haben und der Verstand seinerseits relativiert das Imaginierte. Schließt man jedoch die Kraft der Imagination aus und denkt man, dass Gott nur rational zu beschreiben und zu erkennen ist, dann mutiert der Verstand zu einem Tempel, in dem ein Götze ruht, den man dann fälschlicherweise Gott nennt.

Dieser Text erschien zuerst als Gastbeitrag auf der Seite Freitagsworte