Die jüdisch-muslimische Tradition

Oft ist die Rede von der jüdisch-christlichen Tradition Europas. Nicht selten wird diese Aussage als eine Art Abgrenzung zu Muslimen verstanden. Abgesehen davon, dass die Behauptung problematisch ist, ist ihre Verwendung als Ausschlussmechanismus in Bezug auf Muslime historisch nicht haltbar. Sie konstruiert den Anschein, als ob das Muslimische eine Antithese des Jüdischen oder Christlichen wäre. Historisch gesehen ist der gegenseitige Einfluss der drei Traditionen so präsent, dass man nicht von sauber getrennten Sphären reden kann.

In letzter Zeit wird den Muslimen und ihrer Tradition Antisemitismus vorgeworfen. Auch dies dient als ein Ausschlussmechanismus, der problematisch ist.

Der Antisemitismus als eine Ideologie ist historisch betrachtet ein modernes und europäisches Phänomen, dessen Anfänge im 19.Jh. liegen. Es basiert auf der Idee, dass der Jude vom Wesen her schlecht sei. Diese Vorstellung ist zwar der muslimischen Theologie und Geschichte kategorisch fremd, nichtsdestotrotz wurde dieser Gedanke im Zuge des 20.Jh. von manchen Muslimen rezipiert und fand einen fruchtbaren Boden im israelisch-palästinensischen Konflikt.

Dort wurde aus einem Konflikt, der sich eigentlich um Land, Macht und politische Interessen mehrerer internationaler Akteure dreht, ein religiöser Konflikt zwischen den Anhängern zweier Glaubensrichtungen konstruiert. Dieser Narrativ wurde insbesondere seit Mitte des 20. Jh. immer präsenter im arabischen antiisraelischen Diskurs. Im Laufe dieses Wandels verschwand die Differenzierung zwischen Jude als Anhänger eines bestimmten Glaubens und Jude als Bürger oder potentieller Bürger des Staates Israel. Aus einer politischen Kritik wurde mehr. Sie mutierte in manchen Fällen in eine rassistische Kritik, die mit pseudo-theologischen Argumenten untermauert ist und die von den Interessen mancher arabischer Nationalstaaten in der Region leicht missbraucht werden kann. Denn die Religion ist in dieser Region nach wie vor ein Instrument der Mobilisierung der Massen. Diese pseudo-theologische Argumentation geht Hand in Hand mit politischen Interessen.

Die pseudo-theologische Argumentation

Diese Argumentation fängt schon damit an, dass manche Fundamentalisten, interessanterweise auch die Islamkritiker, die Frühgeschichte der Muslime und die Beziehung des Propheten zu den Juden so deuten, als ob eine ewige Feindschaft zwischen Muslimen und Juden zum Kern des muslimischen Glaubens gehören würde. Aber was hier übersehen wird ist, dass der Prophet und seine Gemeinde kein Verhältnis zu „den Juden“ hatten, sondern zu drei arabisch-jüdischen Stämmen. Dieses Verhältnis war nicht nur durch den Glauben bestimmt, sondern vielmehr durch andere Kriterien, die damals eine zentrale Rolle spielten, wie z. B. die Loyalität zu bestimmten Clans, die Zugehörigkeit zu gewissen Stämmen oder die Kontrolle der Karawanenrouten und Oasen. Es war kein Konflikt zwischen Muslimen und Juden, wie es heute suggeriert wird, sondern zwischen Parteien mit unterschiedlichen Interessen. Der Prophet verstand die jüdische Gemeinschaft in den ersten Jahren, als er nach Medina kam, als Teil seiner Gemeinde. Er kritisierte zwar bestimmte Verständnisse und Konzepte, genauso wie Jesus es vor ihm tat, aber er stellte ihr Dasein nicht in Frage und sie konnten uneingeschränkt ihren Glauben praktizieren. Als es in den darauffolgenden Jahren zu der bewaffneten Auseinandersetzung mit den Polytheisten in Mekka kam und als laut der muslimischen Geschichtsschreibung manche arabisch-jüdischen Stämme des Verrats bezichtigt wurden, wurden sie bekämpft oder umgesiedelt. Extremistische Strömungen nehmen heute diese historische Episode, die drei Stämme betraf, und machen sie zu einer Grundlage, wenn es um das Verhältnis zu Juden allgemein geht. Aus den drei arabisch-jüdischen Stämmen sind jetzt „die Juden“ geworden. Diesem extremistischen Verständnis ist ebenfalls entgegenzusetzen, dass der Prophet auf seinem Sterbebett seinen Schutzschild an einen jüdischen Händler verpfändet hat, damit er Gerste für seine Familie kaufen konnte. So stellt sich die Frage: Seit wann gibt man seinem angeblichen Feind den eigenen Schutzschild?

Ferner gibt es im Koran Stellen, in welchen beispielsweise positiv über Juden gesprochen wird, aber auch Stellen, wo diese kritisiert werden. Mit Juden sind hier jene gemeint, mit denen die Muslime im 7. Jh. in der arabischen Halbinsel zu tun hatten und keine abstrakte Vorstellung „des Juden“, wie wir sie heute aus dem modernen Antisemitismus kennen. Allerdings darf die Kritik an die Juden, die wir im Koran finden, nicht als ein Novum gesehen werden. Schaut man im alten und neuen Testament, dann wird man merken, dass die koranische Kritik sich nicht viel von der biblischen Kritik unterscheidet. Darüber hinaus dürfen die Stellen im Koran, die eine Kritik an Juden beinhalten, nicht universalisiert werden. Denn diese Stellen behandeln konkrete historische Ereignisse. Sie los von ihrem historischen Kontext zu deuten, hat etwas Ideologisches. Die muslimische Tradition der Koranexegese bemühte sich stets, diese Stellen in ihren kontextuellen Rahmen zu setzen.

Hier soll die Tatsache betont werden, dass im Koran die Handlungen und Glaubensvorstellungen Gegenstand der Kritik sind und nicht der Mensch an sich. Die Behauptung, dass der Jude an sich schlecht wäre, weil er Jude ist, wie es in den rassistischen und antisemitischen Theorien propagiert wird, kann auf keinen Fall, weder basierend auf dem Koran noch auf der gesamten muslimischen Theologie, legitimiert werden. Denn die Vorstellung, dass ein Mensch an sich schlecht sein kann, steht im unübersehbaren Widerspruch zum koranischen Vers: „Und Wir haben ja die Kinder Adams geehrt“ Koran 17:70. Der Mensch an sich ist von Gott geehrt, unabhängig davon ob er glaubt oder nicht. So ein Vers schließt jedes völkische und rassistische Denken aus. Ferner lesen wir sogar im Koran: „Den Kindern Israels gaben wir die Schrift einst und Weisheit und Prophetie, und wir versorgten sie mit Gutem und bevorzugten sie allen Weltbewohnern“ Koran 45:16. So eine Stelle, wenn sie zu Ende gedacht wird, ist eine klare Ablehnung von antisemitischen Grundgedanken, wie z. B. die behauptete wesenhafte Verdorbenheit der Kinder Israels. Solche rassistischen Gedanken dürfen von einem Muslim nicht getragen werden, denn das würde bedeuten, dass zahlreiche Propheten, denen eine besondere Stellung im muslimischen Glauben zugewiesen wird, in ihrem Kern verdorben wären, da sie ja zum Volk Israels gehören.

Die gemeinsame jüdisch-muslimische Geschichte

Des Weiteren spricht gegen die hier dargelegte pseudo-theologische Argumentation auch die gemeinsame jüdisch-muslimische Geschichte. In der historischen Realität finden wir nämlich bis Mitte des 20. Jh. und in manchen Fällen bis heute zahlreiche Beispiele eines gelungenen Zusammenlebens zwischen Juden und Muslimen, wie in Nordafrika, im Jemen, in Ostafrika, in der Türkei, im Irak oder in Iran. Wenn heute über Toleranz und Akzeptanz sowie das Verhältnis der Muslime zu Juden gesprochen wird, dann finden wir oft zwei extreme Tendenzen. Die eine Richtung sieht in der muslimischen Lehre einen intoleranten und exklusivistischen Glauben und die andere schildert das Verhältnis zwischen den beiden als blumig und konfliktfrei. Beide Tendenzen lesen sowohl die theologische Tradition als auch die Geschichte in einer selektiven Art und Weise, die die eigene Position untermauert. Es gab sowohl positive als auch negative Phasen in der muslimisch-jüdischen Beziehung. Doch kann mit gutem Gewissen gesagt werden, dass die positiven Phasen überwogen und dass es Juden unter den Muslimen meist besser erging als in Europa bis ins 20.Jh. Denn ab dieser Zeit fing in Europa die Aufarbeitung einer jahrhundertelangen antisemitischen Denktradition an. Mit der Gründung des Staates Israel hat der in Europa entstandene Antisemitismus neue Wirkungsfelder in manchen arabischen Staaten erhalten.

Darüber hinaus kann man die zahlreichen Episoden des Zusammenlebens zwischen Muslime und Juden nicht ausblenden, damit man heute eine religiös fundierte Feindschaft begründet kann. Muslime und Juden beeinflussten sich von Anfang an gegenseitig. Muslimische Gelehrte im 8. und 9. Jh. haben viele Erzählungen und Texte über die biblischen Personen, Orte oder Ereignisse von Juden übernommen und in ihre Quellen integriert. Bis heute sind die Materialien als Israelitentum in der muslimischen Theologie bekannt.

Der Einfluss ging aber auch in die andere Richtung. Bernard Lewis schreibt in seinem Werk „The Jews of Islam“: „In der Philosophie und sogar der Theologie kann man ohne zu zögern sagen, dass der Einfluss vom Islam zum Judentum floss und nicht umgekehrt. Die Vorstellung einer Theologie, einer Formulierung des religiösen Glaubens in Form philosophischer Prinzipien, war den Juden der biblischen und talmudischen Zeit fremd. Die Entstehung einer jüdischen Theologie fand fast ausschließlich in muslimischen Ländern statt.“ Aber nicht nur im Bereich der Philosophie und Theologie fand der Wissenstransfer statt, sondern er erstreckt sich auf fast alle Bereiche. Die jüdischen Gelehrten des Mittelalters spielten eine zentrale Rolle in der Vermittlung des Wissens, das in der muslimischen Welt produziert wurde. Es war keine reine Übertragung eines antiken Wissens, wie es manchmal dargestellt wird, sondern es handelte sich um ein aktualisiertes, lebendiges Wissen und in vielen Bereichen um ein neues Wissen, das die Grundlage der Renaissance bildete und bis zur frühen Aufklärung wirkte. Zugespitzt gesagt, wenn es jüdisch-christliche Wurzeln Europas gäbe, dann ist das Muslimische in dem Adjektiv „jüdisch“ inbegriffen.