Die Krise des Sunnitentums – Teil 1: Von Ruinen und Reliquien

Beides, Ruinen und Reliquien, werden als etwas außerhalb der Zeit wahrgenommen. Die Ruinen stehen da wie eine Momentaufnahme aus einer fernen Zeit, ungepflegt, vergessen und abgeschieden vom Fluss des Lebens. Und so ist es auch mit den Reliquien. Auch sie stammen aus einer anderen Zeit. Ruinen und Reliquien haben nicht nur die Abgeschiedenheit von Leben und Zeit als Gemeinsamkeit, sondern auch ihre Unveränderbarkeit. Denn macht man aus einer Ruine ein neues Haus, dann ist die Ruine kein Ruine mehr, sondern ein Haus und sie verliert dadurch ihr Ruinensein. Auch die Reliquie darf nicht verändert werden, am besten soll sie unberührt bleiben, für immer und ewig.

Nun, was haben Ruinen und Reliquien mit dem Sunnitentum zu tun? Ganz simpel: diese Richtung des Islams wird heute je nach dem entweder wie eine Ruine oder wie eine Reliquie behandelt . Auf der einen Seite haben wir Muslime, die das Sunnitentum wie eine Ruine betrachten. Zwar bewundern sie seine reiche Tradition, jedoch nehmen sie ihn gleichzeitig als etwas Fremdes, ja als etwas Unpassendes im Gesamtbild unserer Zeit und Welt wahr. Es ist, als ob diese Ruine, also das Sunnitentum, einer alten Moschee aus dem 10. Jh. in der Mitte von Hochhäusern mit  postmoderner Architektur gleichen würde. Weder die Materialien noch die Muster noch die Architektur dieser Moschee, die ja in Ruinen liegt, gleicht diesen neuen babylonischen Türmen unserer Zeit. Auch ihre Aufgabe als Moschee erfüllt sie nicht mehr. Sie steht einfach da und wird als Ruine bewundert und „bewahrt“.

Auf der anderen Seite haben wir jene Muslime, die das Sunnitentum wie eine Reliquie bewahren und auf keinen Fall verändern wollen. Reliquien haben auch wie die Ruinen die Besonderheit, dass sie nicht mehr ihre ursprüngliche Aufgabe bzw. Zweck erfüllen, sondern sie werden eher als Gegenstände der Verehrung und Bewunderung betrachtet. Eine Gabel eines Heiligen dient nicht mehr zum Essen, sondern wird einfach zu einem Gegenstand der Bewunderung und Verehrung. Da sie aber ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllt, also als Besteck benutzt zu werden, wird lediglich ihre Zugehörigkeit zu diesem frommen Heiligen betont. Ihre Besonderheit liegt nicht mehr darin, dass sie eine gute Gabel ist, sondern dass sie die Gabel dieses einen Heiligen war.

Das Sunnitentum, genauso wie die anderen klassischen Strömungen des Islams, entstand in der Zeit vor dem 19. Jh. Das heißt, die Gelehrten, die uns dieses große und reiche Erbe hinterlassen haben, kommen aus einer Welt, die es heute nicht mehr gibt. Unsere Welt heute entspricht weder den Herrschaftssystemen noch den Produktionsweisen noch den Gesellschaftsstrukturen, die zwischen der späten Bronzezeit und dem späten Mittelalter mehr oder weniger gleich geblieben sind. Die Gelehrten, die das Sunnitentum geprägt haben, hatten als Aufgabe, aus den Quellen des Islams Normen und Erklärungen, die ihr Leben regeln und ihre Welt intellektuell erklären, abzuleiten. Ziel des Ganzen war, den Islam als Lebensweise und Lebenseinstellung für die Menschen praktikabel zu machen. Und ja, ihre Konzepte, Erklärungen und pragmatischen Entscheidungen machten für ihre Zeit Sinn. Ihre Arbeit kann man mit einem Betriebsystem vergleichen. Die Welt, in welcher sie lebten, war ein Pc aus den 80ern und ihr Betriebsystem war MS DOS. Aber macht ein MS DOS noch bei einem High-End Pc aus dem Jahr 2015 Sinn?

Seit dem 18. Jh. hat sich die Welt allerdings radikal verändert, so radikal, dass die Menschheit nie so eine rasche und radikale Veränderung erlebt hat. Ende des 18. Jh.und insbesondere seit dem 19. Jh. kam es zur Industrialisierung der Produktion, zur Einführung des Stundenlohns, dann ging es los mit der Urbanisierung, dies führte zur Entstehung der Mikrofamilien, zur Individualisierung, zu Massenphänomen wie der Arbeitslosigkeit, dann im 20. Jh. kam es zur digitalen und medialen Revolution und im 21. Jh. zu einem allmählichen Verschwinden der Grenzen zwischen realer und virtueller Welt. Zu diesen radikalen Veränderungen könnte man noch die Sprünge, die die Menschheit in Bereichen der künstlichen Intelligenz, Genetik, Biotechnik, Physik, Medizin und hunderten anderen Bereichen zählen.

Das Sunnitentum geht von einer völlig anderen Situation aus. Die damaligen Gelehrten sprachen in ihren Büchern z. B. von einem Verständnis des Eigentums und Handels und von Familien und Gesellschaftsstrukturen, die es heute nicht mehr gibt bzw. die heute die Ausnahme bilden.

Heißt das, dass man alles im klassischen Sunnitentum verwerfen soll? Nein, aber alles, was von einer bestimmten politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit abhing, soll kritisch betrachtet werden, um zu schauen, ob es noch seinen Zweck erfüllt.

Wenn ja, dann ist es gut; wenn nein, dann sollen neue Konzepte und Erklärungen her, die dem Menschsein des Menschen in unserer Zeit entsprechen. Der Islam darf nicht getrennt von dem Subjekt Mensch verstanden und ausgelebt werden. Man kann nicht so tun, als ob die Welt, in welcher wir leben, die gleiche wäre, in welcher die damaligen Gelehrten gelebt haben und dann manche Normen bewahren, nur weil sie von diesen oder jenen Gelehrten stammen, genauso wie man die Gabel des Heiligen bewahrt, obwohl sie längst keine Gabel mehr ist.