Die Krise des Sunnitentums – Teil 2: Die Entmachtung.

Die Mehrheit der Schulen des Sunnitentums waren – im Gegensatz zu den meisten anderen Strömungen – besonders in ihrer Entstehungsphase durch eine gewisse Nähe zum Herrscher gekennzeichnet. Ja in vielen Fällen wurden sie durch die Herrscher gefördert. Man braucht nur einen Blick auf die geförderten Schulen in den abbasidischen, ayyubidischen, mamlukischen, osmanischen oder mogulischen Dynastien zu werfen, um festzustellen, dass sie alle sunnitische Rechts- und Theologieschulen waren. Das gleiche gilt übrigens auch für alle Dynastien in Nordafrika und Andalusien.Zwar zeigt uns die Geschichte, dass bis zu der mamlukischen Zeit (16. Jh.) die Gelehrten unabhängiger und autonomer waren und oft eine seriöse Opposition zur Politik der Herrscher darstellten, aber das entkräftet nicht das oben Erwähnte. Denn auch wenn die innere Opposition aus sunnitischen Kreisen kam, so war die herrschende Klasse ihrerseits von anderen Gelehrten, die auch Sunniten waren, unterstützt. Das Verhältnis zwischen Herrschern und Gelehrten beruhte auf gegenseitiger Unterstützung. Die Macht der Machthaber wurde durch die Gelehrten legitimiert und die Machthaber haben bestimmte Schulen gefördert, insbesondere dadurch, dass sie nur die Gelehrten, die eine bestimmte Schule vertreten, als Oberrichter, Imame und Dozenten ernannten. Natürlich ist das nicht der einzige Grund, warum die Schulen des Sunnitentums eine weite Verbreitung unter den Muslimen genoßen, aber es bleibt einer der wichtigsten Faktoren in diesem Zusammenhang.

Die klassischen Zentren des Sunnitentums wie Istanbul, Kairo, Fes, Damaskus, Baghdad, Tunis oder Medina haben aber alle seit dem 20. Jh. einen Zusammenbruch erlebt. Die Reiche, die damals den sunntischen Islam getragen haben, sprich das Osmanische Reich, das Mogulreich und das Reich der Scherifen, sind entweder ganz verschwunden wie im Fall der zwei ersten oder haben eine radikale Mutation, was ihre Macht und Grenzen betrifft, erlebt, wie im Fall des dritten. Die Gelehrten hatten seit dem Aufbruch der Moderne und insbesondere seit dem Zerfall des osmanischen Reiches und der Kolonialisierung der muslimisch geprägten Länder keinen Zugang mehr zu Richterämtern, Beamtenstellen oder Lehrtätigkeiten an den Schulen und Unis. Auch ihre Beratungsaufgabe im Kreis der Machthaber haben sie verloren. Ja sogar die Institutionen, die ihnen eine gewisse Unabhängigkeit gewährleistet haben, nämlich die frommen Stiftungen (Awqaf) wurden in den meisten neuen Staatsordnungen entweder abgeschafft, konfisziert oder abgeschwächt.

Auf diesem historischen Hintergrund könnte man sagen, dass die sunnitischen Schulen eine Sache nie richtig gelernt haben und zwar, wie sie in einem Umfeld, in dem sie kaum über politische Macht verfügen oder politische Unterstützung in der Gesellschaft genießen, ihre eigene Tradition bewahren und weiterdenken können. Denn bis zum 19./20. Jh. waren die sunnitischen Gelehrten in der Lage, das geltende Recht zu bestimmen und dadurch sowie durch die Lehrinstitutionen, Fatwaämter und frommen Stiftungen konnten sie einen direkten Einfluss auf die Bevölkerung ausüben.

Nun standen sie entmachtet da und die radikalen Veränderungen auf der Ebene der Politik, Ökonomie, Wissenschaft, Gesellschaft und allgemein im alltäglichen Leben und der Kultur fanden und finden immer noch rasch statt. Das Sunnitentum stand da und schaute diesem Wandel eher passiv, ja gefesselt mit gebunden Händen, zu. Er war gezwungen, eine Wirklichkeit zu akzeptieren, die er nicht mitgestaltet hat.

Die Reaktionen auf diese Fassungslosigkeit, ja auf das Trauma, aus welchem der sunnitische Islam eigentlich noch nicht aufgewacht ist, waren unterschiedlich. Die Entstehung der sogenannten traditionellen Gelehrtenschicht, die Reformströmungen, der politische Islam à la Muslimbrüder oder der Wahhabismus sind einige solcher Reaktionen, über die ich in den nächsten Beiträgen schreiben möchte.

Meiner Einschätzung nach erlebt der sunnitische Islam erst jetzt, das heißt nach ca. 1200 Jahren, das, was andere Strömungen des Islams schon hinter sich haben, nämlich den Kampf um das Überleben.