Die Krise des Sunnitentums – Teil 3: Der Wahhabismus

Seit Jahren beschäftige ich mich mit den Lehren des Wahhabismus, jene Strömung, die aus den Lehren Ibn Abd al-Wahhabs (gest. 1792) und seiner Anhänger im 18. und 19 Jh. hervorging. Und schon seit den Anfängen meiner kritischen Auseinandersetzung mit dieser Lehre stellte ich damals fest, dass genauer betrachtet der Wahhabismus ein Gegenteil des Sunnitentums darstellt.

Grob und allgemein gesagt wurden die Lehren des Wahhabismus im 18. Jh. und bis zur zweiten Hälfte des 19. Jh von der absoluten Mehrheit der Gelehrte als eine Art Häresie wahrgenommen. Allerdings ab dem letzten Drittel des 19. Jh. und insbesondere im 20. Jh. hatten die wahhabitischen Lehren es aus mehreren Gründen geschafft, salonfähig zu werden und sich unter eine nicht unterschätzende Zahl von Muslimen zu verbreiten. Des Weiteren sind auf der einen Seite diejenigen, die alle Punkte der Wahhabi-Lehre befolgen eine Minderheit aber auf der anderen Seite sind die Muslime, die von dem einen oder anderen wahhabitischen Gedanken betroffen und beeinflusst sind, nicht mehr so wenig, dass ich sie als eine Minderheit bezeichnen würde.

Um den Wahhabismus zu beschreiben möchte ich in diesem Zusammenhang zwei Aspekte dieser Strömung, die mir wichtig erscheinen, hervorheben, nämlich die Entmystifizierung und die Entmenschlichung des Islams.

Die Wahhabiten sahen seit ihrem Aufkommen in vielen Praktiken der Muslime eine Form des Aberglaubens und Polytheismus, welche bekämpft werden müssen. Der Wahhabismus erscheint hier dem Zeitgeist des 18./19. Jh zu entsprechen. Die Religion sollte entmystifiziert werden. Nur die Schrift soll für das Verständnis des Islams als ausreichend gelten. Damit meinen sie natürlich ihr Verständnis von der Schrift. Man mag sich nun fragen, was an der „Reinigung“ der Religion vom Irrationalen schlecht wäre? Die Antwort ist, dass jede Religion Elemente braucht, die der Sphäre des Mystischen, Unklaren, Überrationalen und ja auch des Irrationalen gehören. Denn diese bilden dann eine der wichtigen Schutzschichten vor der Ideologisierung der Religion. In dem Moment, wo man meint den gesamten „Islam“ rational verstanden zu haben, dann könnte es böse enden. Denn wenn man nur in klaren rationalen Kategorien des Verstandes denkt und das spirituelle und subjektive ignoriert, dann wird das Mystische zum Feind. Ein Feind, welchen man beseitigen, bekämpfen und wenn nötig ausrotten soll. Die frühe Geschichte der Wahhabiten ist voller Beispiele solch eines Wahnes. Aber auch das Wirken von dem sogenannten Islamischen Staat ist heute ein lebendiges Beispiel dafür, wie die Religion aussieht, wenn sie nur aus der Schrift und Ratio gedacht wird und die Vielfalt der Menschen, das Herz und Affekte aussortiert werden.

Dementsprechend ist die sunnitische Lehre ohne Sufitum nicht mehr sunnitisch. Und gerade das Sufitum, welches ein untrennbarer Bestandteil des Sunnitentums, wurde am meisten von den Wahhabis kritisiert und abgelehnt. Der Islam als Erfahrung mit sich selbst und mit dem Göttlichen, der Islam als Weg nicht nur der Normen sondern auch des Inneren und der Islam als Nahrung für die spirituelle Seite sowie andere Aspekte der inneren Dimension des Islams gingen verloren, als die Trennung des Islams von seiner tiefen inneren Seite, die nur in der Sufitradition behandelt wurde, vom Wahhabismus vollzogen wurde. Somit entstand dann eine Form des Islams, die den Menschen nicht mehr als Subjekt sondern nur als Objekt betrachtet.

Ein Merkmal der Ideologien ist, dass die Idee und die Lehre im Mittelpunkt stehen und nicht mehr der Mensch. In einer Ideologie sollen sich die Menschen nach der Norm richten und alle sollen der Lehre folgen. Abweichungen werden als ein Handeln gegen die Norm wahrgenommen und werden deswegen auch nicht geduldet. Die Norm wird wichtiger als der Mensch. Der Wahhabismus teilt diesen Aspekt mit den totalitären Ideologien. Entleert von ihrem innerlichen Sinn mutierten die Normen in dieser Strömung zu einem Selbstzweck, die insbesondere visuell inszeniert werden müssen. Das bloße Dasein der Norm als Norm ist Synonym für das Religiöse geworden. Der Mensch verschwand dadurch allmählich im Hintergrund. Geblieben sind dann nur gleichgeschaltete Menschen, deren Menschsein keine große Rolle mehr spielt.

Dass gerade die meisten Normen vom Menschen und seinem Kontext abhängen und nicht der Mensch von den Normen scheint der Wahhabismus bis heute nicht verstanden zu haben.

In dieser kurzen Darstellung habe ich mit Absicht ihre Ablehnung von den Rechtsschulen oder ihre Kritik an manche theologischen Positionen des Sunnitentums außer Acht gelassen, denn das scheint mir nicht als das größte Problem. Von mir aus kann der Wahhabismus sich als eine eigene Rechts- und Theologieschule wahrnehmen. Er wäre somit nur eine Schule mehr, und mehr nicht. Aber die Hauptprobleme sehe ich darin, dass die Lehre des Wahhabismus einen radikalen Exklusivismus innerhalb des Islams vertritt, der nur Schwarz oder Weiß, nur Richtig oder Falsch, nur Wahr und Unwahr kennt. Eine nie dagewesene Eindeutigkeit in allen Bereichen der Theologie. Diese Denkweise ist dann wiederum ein Grund und Rechtfertigung der Unterdrückung, Verfolgung und Ausrottung von Vertretern anderer Schulen und Lehren.

Zusammengefasst kann man eigentlich den Wahhabismus mit einem Satz definieren: Er ist die Entschönerung des Islams.