Die Krise des Sunnitentums – Teil 4: Wie hat sich die wahhabitische Lehre verbreitet?

Im letzten Beitrag versuchte ich einige Hauptmerkmale des Wahhabismus, der im Laufe des 20. Jh. eine sehr schnell Verbreitung erleben hat, darzustellen. Denn nachdem diese Lehre im 18. und 19. Jh. unter den meisten sunnitischen Kreisen fast verteufelt und bekämpft wurde, wurde sie ab dem 20. Jh. salonfähig. Dies lässt uns fragen: Was ist denn passiert, dass eine Lehre, die am Anfang als häretisch wahrgenommen war, später an großen Erfolg gewann und nun gar als eine Form des Sunnitentums betrachtet wird, wobei sie sich eigentlich gegen all die Kernpunkte richtet, die die sunnitische Lehre ausmachen.

Der Erfolg des Wahhabismus im 20. Jh. hat mehrere und vielseitige Gründe.

Es soll hier erwähnt werden, dass es seit den Anfängen des Wahhabismus bis heute eine Allianz zwischen der Familie Ibn al-Wahhabs und der Herrschaftsfamilie Saud gibt. Nachdem die Saud quasi die Macht im 19. Jh. verlor, erlebte die saudische Herrschaft in der arabischen Halbinsel eine Art Comeback besonders nach der Auflösung des Osmanischen Reiches. 1913 eroberten die Saudis al-Ahsa, 1922 den Rest von Nadschd und knapp zwei Jahre nach dem Ende des Osmanischen Reiches eroberten die Saudis Mekka, Medina und den Rest der Hidschaz-Region. Einige Jahre später -und zwar im Jahre 1932- wurde das Königreich Saudi Arabien proklamiert. Der Wahhabismus gewann an enormer Macht und hatte diesmal sogar internationale Unterstützung. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens: Eine große Macht, die im Namen der Muslime agiert, wie das Osmanische Reich, existiert nicht mehr. Zweitens: Die Saudis haben diesmal einen starken Alliierten, nämlich die USA. Der dritte und wichtigste Faktor ist allerdings die Entdeckung des Erdöls in der Region, welches ab dem Ende der 30er große finanzielle Gewinne zu der Herrschaftsfamilie bringen wird. Der Wahhabismus als die offizielle Lehre Saudi Arabiens war ab diesem Zeitpunkt in einer stärkeren Position als zuvor, sowohl politisch als auch finanziell. Des Weiteren spielte ein anderer Faktor eine wichtige Rolle bei der Stärkung des Wahhabismus, nämlich die Tatsache, dass die Länder, die als klassische Zentren der sunnitischen Lehre galten nach ihrer Unabhängigkeit zwischen den 40ern und 60ern in die Hand entweder sozialistischer- oder nationalistischer Ideologien bzw. Mächte fielen.

In den neu entstandenen Nationalstaaten wurde die Religion vom Staat sehr stark kontrolliert. In den meisten Fällen wurden die alten Bildungsinstitutionen abgeschafft bzw. marginalisiert und wie ich schon in deinem früheren Beitrag erwähnt habe, spielten die Gelehrten kaum mehr eine Rolle im öffentlichen Leben, da sie die Richterämter, Beamtenstellen und die Lehrtätigkeiten an den Schulen und Universitäten verloren haben. Auch die klassischen Lehrstätten und Stiftungen wurden entweder abgeschafft, marginalisiert oder so reformiert, dass sie nur bloße Schulen und Unis wurden, die kaum einen Beitrag mehr in der Entwicklung der sunnitischen Lehre leisten konnten.

Wichtig ist hier auch zu erwähnen, dass die sozialistischen und nationalistischen Ideologien eine fast feindliche Haltung gegenüber dem Religiösen hatten. Das hat auch dazu beigetragen, dass Gegenideologien, die im Namen des „Islams“ sprechen, entstehen. Aber mehr dazu in anderen Beiträgen.

Wir reden hier in dem historischen Kontext zwischen den 40ern und 90ern Jahren des 20. Jh. In dieser Zeit und als die Gelehrten und die Institutionen des Sunnitentums einen nie zuvor erlebten Tiefpunkt und Marginalisierung erlebten, trat die wahhabitische Lehre als der Bewahrer des Sunnitentums auf. Um dies zu verstehen soll in diesem Zusammenhang ein Punkt kurz erläutert werden. Man kann die arabischen Länder in diesem historischen Kontext anhand von zwei Kriterien kategorisieren. Man kann sie in Königreiche und Republiken oder in Staaten, die Öl und kein Öl haben unterteilen. Staaten, die Öl haben, waren entweder Königreiche auf der arabischen Halbinsel oder Länder, die dem sowjetischen Lager nah waren. Der Sunitentum Islam bekam in diesen Ländern keine große Unterstützung, da es sich entweder um sozialistische bzw. nationalistische Republiken oder Königreiche auf der arabischen Halbinsel, die bis zu den 90ern vom wahhabitischen Saudi Arabien geführt wurden, handelte.

Von einer besseren Lage konnte die Propagandamaschinerie des Wahhabismus nicht träumen. Länder, in welchen die Religion unterdrückt wird, die Kontrolle über Mekka und Medina und somit eine Scheinlegitimierung ihrer Lehre, Petrodollars und die Unterstützung des Westens, der damals im Islam, auch in seiner wahhabtischen Form einen Alliierten gegen die kommunistischen und sozialistischen Systeme sah.

In jener Zeit unterstützte Saudi Arabien finanziell Vereine, Institutionen, Oppositionelle, baute Moscheen, bildete Imame aus, die sie dann in ihre Heimatländer zurückschickte. Saudi Arabien war auch ein Zufluchtsort für viele Muslimbrüder aus Ägypten und Syrien.

Saudi Arabien profitierte somit in dieser Zeit, nämlich bis zum Zerfall von der Sowjetunion vom kalten Krieg, von den neuen Strukturen der Nationalstaaten, von der Schwächung der alten Institutionen, um die Lehren des Wahhabismus zu verbreiten. Sie profitierte auch von einem schwachen Bildungssystem in den meisten arabischen Ländern.

Es gibt weitere Faktoren, die in der Verbreitung des Wahhabismus eine Rolle gespielt haben, insbesondere nach den 1990ern, auf die ich in den nächsten Beiträgen eingehen möchte.