Die Krise des Sunnitentums – Teil 5: Der Wahhabismus und die Ausartung der Pilgerfahrt

Neben der politischen und ökonomischen Lage, die im letzten Beitrag skizziert wurde, verdankt der Wahhabismus seine Verbreitung weiteren Faktoren.

Die Pilgerfahrt erlebte im 20. Jh. eine radikale Veränderung. Ja man könnte sogar sagen, dass das Wesen der Pilgerfahrt ausgeartet und degeneriert wurde. Vor der Einführung des Flugzeugs als Transportmittel war die Pilgerfahrt eine Reise, die Monate dauern konnte. Menschen, die aus Marokko, Indien oder China pilgern wollten, sind manchmal ein Jahr vor der Pilgerfahrt losgegangen. Im Laufe der Reise traf man die unterschiedlichen Formen und Erscheinungen des Islams und der Muslime. Man lernte die Vielfalt und man lernte sich selbst näher kennen. Die Pilgerfahrt gewann ihre Spiritualität vor allem durch den Weg nach Mekka und Medina. Die rituelle Pilgerfahrt, die in Mekka stattfindet, war nur ein Höhepunkt einer langen Reise, durch die Welt und durch sich selbst.

Ab der 2. Hälfte des 20. Jh. und insbesondere ab den 70ern und 80ern, fand allerdings eine allmähliche Mutation in der Pilgerfahrt statt. Die Reise nach Mekka dauerte höchsten 48 Stunden. Und wegen der Erleichterung der Reise durch die Flugzeuge, strömten immer mehr Leute nach Mekka und Medina. Damit man dann die Millionen Menschen aufnehmen kann, hat man die beiden Moscheen sowie die Altstädte fast komplett umgebaut…nein, eher zerstört.

Das Mysterium dieser Städte und die spirituelle Seite Mekkas und Medinas gingen langsam verloren. Was geblieben ist, ist nur die Kaaba und ein paar andere Kultstätten, die trostlos in der Mitte von gewaltigen und hässlichen Gebäuden stehen. Ähnlich verhält es sich mit dem Grab des Fürsten der Gesandten ﷺ. Es steht in der Mitte einer fremd gewordenen Stadt, bewacht von grimmigen und dickbäuchigen Wächtern der saudischen Polizei und Sittenpolizei. Mekka und Medina sind Spiegel des Wahhabismus geworden. Jene Lesart des Islams, die den Krieg gegen das Schöne erklärt hat.

Die Pilgerfahrt, die fünfte Säule des Islams, ist ein Schnelltrip geworden. Die wahhabitische Mutation der Pilgerfahrt hat die Denkweise der Muslime so beeinflusst, dass die Leute heute über den Komfort der Hotels, Geschmack des Essens, die Qualität des „Services“ meckern und streiten, an einem Ort und in einer Zeit, wo diese Dinge keine Rolle spielen dürfen.

Der Friedhof al-Baqi’ in Medina. Ein Bild aus dem Jahr 1916. Heute sind alle historischen Gebäude zerstört.

Wie die Pilgerfahrt heute verläuft, ist ein Spiegel und ein Beispiel dafür, wie der Wahhabismus den Islam hässlich gemacht und materialisiert hat. Nur die äußerliche Form der Norm spielt noch eine Rolle. Die innere Dimension spielt kaum mehr eine Rolle. Der tiefen Bedeutung der Normen, der Dinge und der Welt allgemein wird kaum Acht geschenkt.

Die Krise des Sunnitentums zeigt sich somit auch darin, dass es kaum laute und entschlossene Stimmen gibt, die etwas gegen diese Demolition, Umgestaltung und Pervertierung der Pilgerfahrt sowie der beiden heiligen Städte tun. Und wenn es solche Stimmen gibt, dann agieren sie nur einzeln und stehen in einer schwachen Position.

Die Saudis nutzen die Pilgerfahrt nicht nur als finanzielle Quelle aus, die jährlich Milliarden für sie einbringt, sondern auch als Plattform der Propaganda. Die Tatsache, dass sie Mekka und Medina kontrollieren, wird von ihnen als eine Legitimation ihrer Lehre propagiert. Die reine Lehre herrscht über die Geburtsstädten des Islams, so das Bild, welches sie propagieren.

Die Prediger und Koranrezitatoren der beiden heiligen Moscheen sind zu Autoritäten geworden, bloß weil sie in diesen beiden Moscheen predigen und die Gebete leiten. Dass jedoch im Laufe der Geschichte und für lange Zeiten sunnitische aber auch schiitische und mu’tazilitische Kalifen über Mekka und Medina geherrscht haben, scheinen die Wahhabis vergessen zu haben.