Die Likelogie

Das Liken gehört heute für viele von uns zum Alltag. Wir liken alles mögliche und auf verschiedenen Plattformen, auf Facebook, auf Twitter oder Instagram. Aber was ist eigentlich das Liken, was drückt es aus und warum liken wir überhaupt?

Es gibt z. B. diejenigen, die sich einfach gegenseitig liken. Das ist wie ein digitaler Ersatz für das gegenseitige Schnüffeln oder Entlausen, wie wir es aus dem Tierreich kennen. Es drückt in gewissen Maßen eine gegenseitige Anerkennung aus. Wenn zwei Personen sich so liken, dann wollen sich gegenseitig sagen: „Ich finde dich ok, ich like, was du postest“, und zwar auch, wenn der eine in Wirklichkeit das Bild, was der andere gerade gepostet hat, gar nicht mag oder schlimmer, wenn der gerade gepostete Text nicht einmal gelesen wurde. Das Liken hier bezieht sich nicht auf das Gelikete, sondern auf die Person. Diese Form des Likens könnte dann problematisch werden, wenn sie aufhört. Denn dann könnte die andere Person sich fragen: warum hat jener oder jene aufgehört, meine Inhalte zu liken? Aus dieser Art Liken kann auch eine Art Zwang entstehen. Man liket einfach gewisse Personen, weil es sich einfach gehört, das zu liken, was sie teilen.

Eine weitere Form, die mit dieser Art zu liken verwandt ist, ist das Liken um die eigene Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder zu einem bestimmten Kreis auszudrücken. Ich like, was bestimmte Personen teilen, damit ich meine Zugehörigkeit und Loyalität ausdrücke. Diese Form des Likes kann sehr interessant für Stalker sein. Der Stalker schaut sich die Liste der Liker an und analysiert sie und zieht Schlüsse, die manchmal so fiktiv sind wie ein Spielberg Film. Die einfache Logik des Stalkers sieht so aus, dass er jede Person, die Person X liket, in Verbindung mit Person X bringt. Ich selber habe die Erfahrung gemacht, dass eine prominente Person mich einmal angeschrieben hat und fragte, warum ich die Posts von einer anderen Person like. Diese Unverschämtheit basiert auf der (Un)Logik: „Wen ich nicht mag, dürfen andere, die auf meiner Liste sind, auch nicht mögen.“ Da ich aber nicht aufgehört habe, jene Person, der ein guter Freund von mir ist, zu liken, wurde ich nach einiger Zeit von dem unverschämten Stalker gelöscht. Das Liken ist manchmal für die Stalker so interessant, dass sie sogar z. B. die Facebook-Seiten, die man liket, analysieren, mit dem Glauben, sie können ein Profil von der gestalkten Person erstellen.

Das Liken um die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kreis auszudrücken, kann aber auch negative Folgen haben, ja es könnte einen die eigene Freiheit kosten. Es könnte auch der Fall sein, dass man bestimmte Inhalte nicht teilt, auch wenn man sie selbst mag, aus Angst, dass diejenigen, bei denen man liket, es eben nicht mögen oder gar kritisieren. Die ganzen Credits, die man fleißig durch das Liken gesammelt hat, könnten verpuffen. Besonders auf Facebook findet meiner Meinung nach viel Selbstzensur statt. Das steht eigentlich zum Widerspruch zu der von den Sozialen Medien versprochenen Freiheit.

Aber manchmal ist nicht nur die Freiheit eine vorgetäuschte, sondern auch die Emotionen. Eine Form des Likens, die ich schizophren finde und die das am Besten zeigt, ist das Liken mit Smileys auf Facebook. Nicht das Ausdrücken von einem Like mit einem Smiley ist schlimm, sondern das Liken von zwei Beiträgen nacheinander mit zwei krass unterschiedlichen Smileys. Man scrollt einfach und man liest etwas Lustiges und so wird es mit einem lachenden Smiley geliket; allerdings, bei dem nächsten Beitrag liest man eine traurige Nachricht und man liket es mit einem weinenden Smiley. Diese Form des Likes sagt meiner Meinung nach viel über uns. Die Emotionen, die hier zum Ausdruck gebracht wurden, können keine wahre Entsprechung in uns finden. Dass man herzlich lacht und sofort danach tief seine Trauer vermittelt, kann sich normalerweise nicht in ein paar Sekunden in uns ereignen.