Eine Kopftuchträgerin hat heute in Kaffhausen eine Katze gerettet!

Eine Kopftuchträgerin spielt das erste Mal im Turnier so und so, eine Kopftuchträgerin hält die Flagge ihres Landes, eine Kopftuchträgerin hat heute in Kaffhausen eine Katze gerettet… Solche Berichte liest man heute immer häufiger und sie werden mit Genuss von vielen Muslimen in den Sozialen Medien geteilt. Für mich hören sich solche Berichte so an, als ob man irgendwie der „Öffentlichkeit“ mitteilen will: Schaut mal, die Kopftuchträgerinnen sind nicht so schlimm wie ihr denkt, es gibt auch gute unter ihnen. (Echt jetzt!).

Manche Muslime sind heute genauso besessen vom „Kopftuch“ wie dessen Gegner es sind. Sie bedienen sich der gleichen Rhetorik der Gegner und zwar in einem Diskurs, den sie gar nicht selbst bestimmen. Wenn eine Sportlerin etwas erreicht, ein Spiel gewinnt oder auch verliert, dann interessiert mich nicht, ob diese Sportlerin ein Kopftuch oder Bikini trägt, ob sie schwarze oder blonde Haare hat. Denn diese Merkmale haben mit ihrem Erfolg im Spiel nichts zu tun. Sie zu betonen wäre einfach gegen die Normalität, die man gern von den anderen erwartet.

Es ist eben kein Beitrag zur Normalität, wenn Muslime das Kopftuch einer Sportlerin betonen und dies mit der Begründung feiern, dass es mehr „empowerment“ bringt und dass es zu mehr Selbstbewusstsein beiträgt. Das alles bezweifle ich stark. Denn diese Rhetorik hat zwei Seiten. Nehmen wir mal das Bild, was zurzeit gefeiert wird: das aus dem Beachvolleyball-Spiel zwischen Deutschland und Ägypten. Man könnte genauso aus dem Bild die folgende Schlagzeile machen: „Kopftuchträgerinnen verlieren gegen Bikini-Trägerinnen“. Und Futsch ist dieses „empowerment“.

Normalität wäre, wenn man die beiden Mannschaften als das was sie sind betrachtet, nämlich als Beachvolleyball-Mannschaften, nichts mehr und nichts weniger. Die Betonung von Dingen, die mit dem eigentlichen Spiel nichts zu tun haben, können kontraproduktiv sein und in alle möglichen Richtungen benutzt bzw. missbraucht werden.

Es würde doch komisch klingen, wenn man lesen würde, „Buddhistin gewann ein Tennisspiel“ oder „Erste Hindu-Frau bei einer Rugbymannschaft“. Die ganzen Sportlerinnen aus Südamerika, Asien oder Afrika kommen ja nicht alle aus den „privilegierten“ Schichten der Gesellschaft und trotzdem wird ihre Religion oder Merkmale ihrer Religionspraxis nicht betont. Warum haben nur wir Muslime diesen Drang, das „Muslimische“ hervorzuheben? Ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass wir längst die Religion als etwas Separates von uns und nicht mehr als einen selbstverständlichen Teil von uns selbst betrachten? Oder kann es sein, dass manche Muslime ihr Minderwertigkeitsgefühl durch solche Aktionen minimieren wollen?

Ein weiteres Problem, was ich in dieser Geschichte merke, ist das absichtliche oder auch unabsichtliche Schaffen von einem Bild der Muslimin. Nach dem Motto: Eine erfolgreiche Muslimin ist eine Muslimin mit Kopftuch, die auch was geschafft hat bzw. etwas schaffen muss. Einfach eine muslimisierte Form des Übermenschen der Leistungsgesellschaft.

Allgemein habe ich ein Problem mit der modernen Kategorie „Kopftuchträgerin“. Ich habe in einer digitalen Datenbank mit über 500 arabischen Werken der Theologie (Korankommentare sowie Fiqh-Bücher aus den verschiedenen Schulen) aus der Zeit vor dem 20. Jh. nach dem Begriff „Kopftuchträgerin“ (Muḥağğaba) gesucht und das Suchergebnis war NULL. Das Wort existierte einfach gar nicht. In solchen dialektischen Kategorien wie Kopftuchträgerin und Nicht-Kopftuchträgerin haben die Muslime in der Vormoderne (vor dem 19 jh.) gar nicht gedacht und ja, es gab damals wohl auch Frauen, die kein Kopftuch getragen haben. Die Denkweise der frühen Muslime aus der Zeit der Vormoderne fehlt uns heute mehr denn je. Anstatt diesen Geist und diese Denkart weiterzuführen, importiert man Kategorien und Diskurse, die unserer Tradition fremd sind.

Kann es sein, dass die Dialektik von Koftuchträgerin vs. Nicht-Kopftuchträgerin gerade von der kolonialen Ideologie stammt und einfach brav von den Kolonialisierten übernommen und später als eigen gesehen wurde und zwar als das eigentlich „Islamische“? Kann es sein, dass die vermeintliche Befreiung der kolonialisierten Köpfe, indem man die Stärken der „Kopftuchträgerinnen“ betont, eigentlich nur eine weitere Reproduktion von Kategorien aus der Kolonialherrschaft darstellt und dass diese Befreiung, indem man das Kopftuch betont, gar keine ist?