Ibn al-Arabi und der Atheismus – Ein Kurzgedanke

Eine Hauptkritik, die ich oft seitens Atheisten höre, ist, dass der Glaube und die Glaubensvorstellungen menschengemacht sind. Die sogenannten „Religionen“ sind von Menschen erschaffen und haben einen historischen und kulturellen Grund. Der Vorwurf der „Menschengemachtheit“ verbirgt die unausgesprochene Behauptung, dass die Glaubensvorstellungen nur deswegen falsch sind, weil sie von Menschen gemacht sind. Allerdings, schaut man genau hin, dann ist der Atheismus auch nicht von dieser „Menschengemachtheit“ frei.

Atheismus, genauso wie die verschiedenen Formen des Theismus, sind Produkte historischer und kultureller Hintergründe. Aber diese atheistische Kritik ist eigentlich nur in einem dualistischen Weltbild als eine Kritik zu verstehen. In der Sufi-Theologie Ibn al-ʿArabīs ist dieser atheistische Vorwurf gar kein Vorwurf, sondern eine Grundlage. Für Ibn al-ʿArabī (gest. 1240) und die Anhänger seiner Schule sind alle Glaubensvorstellungen selbstverständlich von den Menschen erschaffen. Sogar das, was wir Gott nennen, ist von den Menschen erschaffen, denn unsere Vorstellung ist immer nur unser Produkt. Das göttliche Wesen jedoch transzendiert alle Vorstellungen über Es.

Aber da Ibn al-ʿArabī ein nicht-duales Weltbild vertritt, führt er deswegen die verschiedenen Glaubensvorstellungen über Gott auf die Zeit und den Kontext zurück, weil für ihn die Zeit und der Kontext selbst Manifestationen der göttlichen Eigenschaften sind. Auch der Atheist ist von dieser Einheit nicht ausgeschlossen. Die Negierung der Existenz Gottes hat in der Theologie Ibn al-ʿArabīs zwei Gründe. Der erste Grund ist, dass der Atheismus eine Konsequenz des göttlichen Namens al-Bāṭin (der Verborgene) ist. Da Gott der Verborgene ist, muss es auch Verwirklichungen dieses Namens in der Welt geben. Provokativer gesagt: Auch der Atheismus hat seine Daseinsberechtigung auf der Ebene der nicht normierten Wirklichkeit (ḥaqīqa). Der zweite Grund ist die Natur des Sein-Bewusstseins (wuǧūd) selbst. Die Doppelnatur dieser allumfassenden Wirklichkeit legitimiert die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt:

Wenn du sagen würdest, sie wäre [nur] die Welt, dann hast du recht und wenn du sagen würdest, sie wäre nicht die Welt, dann hast du ebenfalls recht und wenn du meinst, sie wäre der Wirkliche oder auch nicht der Wirkliche, dann hast du [auch in diesem Fall] recht. Sie akzeptiert all diese Bezeichnungen.“1

Sie ist somit der Grund, warum die Welt fälschlicherweise sowohl atheistisch als auch pantheistisch gedacht wurde. Die sufische Erkenntnis, deren höchstes Ziel es ist, diesen Wissensgegenstand zu ergründen, versteht sich deswegen als rechte Erkenntnis, weil sie die Doppelnatur dieses großen Rahmens des Seins versteht. Sie ist in der Lage, das Ewige vom Zeitlichen zu unterscheiden, indem sie die verschiedenen Relationen zwischen den göttlichen Namen begreift. 2

Für Ibn al-ʿArabī gibt es keine Erscheinung im Sein-Bewusstsein (wuǧūd), die nicht auf Eigenschaften Gottes zurückzuführen ist.

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  1. Ibn al-ʿArabī, Muḥyī ad-Dīn: al-Futūḥāt al-makkiyya, Kairo: Dār al-kutub al-ʿarabīyya 1911, Bd. 1, S. 119.
  2. Ghandour, Ali: Die theologische Erkenntnislehre Ibn al-Arabis, Hamburg: Editio Gryphus 2018, S. 144.