Ja, Rumi wasn’t white, er war Sufi!

Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass amerikanische Produzenten einen Film über Dschlal ad-Din ar-Rumi planen. Vorgesehen für die Person Rumis im Film ist Leonardo DiCaprio. Als dies bekanntgegeben wurde, kam eine Welle der Empörung aus verschiedenen Ecken. Unter dem Hashtag #RumiWasntWhite ging eine Kampagne gegen diese Rollenbesetzung los. Es war interessant zu sehen, wie sich iranische, türkische oder afghanische Nationalisten, die selber nicht vom Rassismus verschont sind, linksliberaler Rassismustheorien bedienen, um den Produzenten ein sogenanntes „Whitewashing“ vorzuwerfen. Natürlich kam die Kritik nicht nur aus nationalistischen Ecken, sondern auch von Menschen, die darin einfach ein rassistisches Motiv sahen bzw. hinein lasen. Diese Reaktion finde ich bedenklich und ich möchte sie in den folgenden Zeilen thematisieren.

Um es vorweg zu klären, mir ist schon bewusst und klar, dass sowohl in unseren als auch in anderen Gesellschaften rassistische Denkweisen vorhanden sind, denen man auf den verschiedenen Ebenen und Strukturen der Gesellschaft begegnet. Dagegen vorzugehen ist etwas Notwendiges und daran ist nichts zu kritisieren. Allerdings finde ich es problematisch, wenn man die Menschen in „klaren“ Kategorien vordefiniert und wenn man in ihre Handlungen, Entscheidungen und Aussagen a priori rassistische Motive hineinliest, nur weil sie eine bestimmte Hauptfarbe haben. Es ist ein Merkmal ideologischen Denkens, wenn man die Welt durch klar definierbare Kategorien anschaut. Einfach reflexartig in der Rollenbesetzung eines Filmes „Rassismus“ und „Whitewashing“ hineinzuinterpretieren, und zwar nur, weil die Produzenten eine bestimmte Hautfarbe haben, ist sehr bedenklich.

Woher weiß man eigentlich, dass die Produzenten Whitewashing betreiben wollen? Kennt man sie persönlich? Kennt man ihre Denkweise, Hintergründe und Motive? Ich meine, was sind das überhaupt für Anmaßungen, die Entscheidungen und Handlungen von Menschen nur anhand ihrer Hauptfarbe zu interpretieren? Ist das im Sinne der Botschaft des Propheten ﷺ? Ist das im Sinne der Botschaft Rumis? – Die Antwort ist ein klares NEIN!

Als Muslim hat für mich die prophetische Ethik und die Tradition von Gelehrten wie Rumi mehr Bedeutung als irgendwelche linksliberalen Ideologien, die zwar rassistische Denkweisen bekämpfen wollen, aber mit den Kategorien derselben arbeiten und die es selber nicht schaffen, sich von der Dialektik der Moderne zu befreien.

Nein, Imam ar-Rumi war kein Afghane. Nein, er war kein Iraner und nochmal nein, er war kein Türke. Mawlana Rumi hat sich nicht durch eine Nation, einen Staat oder gar durch seine Hautfarbe definiert und er hat auch nicht die Menschen anhand ihrer Hautfarbe kategorisiert, um dies dann als Kriterium für die Bewertung der Handlungen der Menschen zu nehmen. Wer sagt, Rumi ist Afghane, Iraner oder Türke, soll auch genug Mut haben und sagen, dass der Prophet ﷺ ein Saudi war. Eigentlich bedeutet der Name Rumi wortwörtlich „der Römer“ (gemeint sind aber die Griechen bzw. diejenigen, die in dem Land der Griechen wohnen) und das zeigt uns, dass damals die Menschen in völlig anderen Kategorien gedacht haben.

Schlimmer als das gefürchtete „Whitewashing“ der Person Rumis ist das Aushöhlen der Lehre Rumis, indem man die Botschaft Rumis vergisst, stattdessen unreflektiert Theorien übernimmt und durch sie die Welt betrachtet. Für Mawlana Rumi gehört die Trennung, die an sich eine illusionäre Kategorie ist, zu den großen Fehlern der Menschen. Wer trennt, wird nie die volle Erkenntnis erlangen. Denn das hindert den Menschen daran, tief in die Wirklichkeit dieser Welt zu blicken, um dann das Göttliche in allem zu sehen. Nach der Lehre Rumis zeigt sich Gott anhand Seiner Eigenschaften und Taten in allen Geschöpfen. Ja auch in einem DiCaprio. In Wirklichkeit sind wir aus der Perspektive des Einen eine Einheit. Imam Rumi lehrt uns:

„In geistigen Dingen gibt es keine Teilung und keine Zahlen; in geistigen Dingen gibt es keine Zerlegung und keine Individuen. Schmelze die eigensinnige Form mit Mühe hinweg, damit du unter ihr die Einheit wie einen vergrabenen Schatz findest.“ 1

Rumi benutzte in seinem Hauptwerk verschiedene Figuren verschiedener Herkunft, unterschiedliche Tiere und mythologische Wesen, um die Kernbotschaft des Propheten zu erklären…zu erzählen. Er sah alles, was ist und wirkt, als Ausdruck einer einzigen Wirklichkeit, wo kein Platz für Farben oberflächlicher Kategorien ist.

Eigentlich ist sich dauerhaft als Opfer zu empfinden gegen das Wesen der prophetischen Botschaft, die eine positive Haltung zum Leben und zu den Menschen hat. Der Prophet ﷺ lehrt uns nicht, gegenüber jedem Menschen skeptisch zu sein, der Prophet ﷺ lehrt uns nicht, überall Feinde zu sehen, der Prophet ﷺ lehrt uns eher, über jeden gut zu denken, in jedem das Gute zu sehen und das Positive zu betonen. Er lehrt uns: „Der Weiße ist nicht besser als der Schwarze.“ Und vor allem lehrt er uns, dass es keine Kollektivschuld gibt.

Ich möchte auch nicht meine Haltung gegenüber den Menschen und der Welt von irgendwelchen Professoren aus den USA, Indien oder Südafrika bestimmen lassen.

Ich sehe es anders. Für mich ist es nicht DiCaprio, der eine Rumi-Maske tragen wird, sodass man heiß darüber debattiert, welche Farbe diese Maske haben soll, sondern es ist Rumi und seine Botschaft, die durch DiCaprio wirken werden.

Es ist immer eine Frage der Perspektive.

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  1. Rumi: Das Masnavi: Buch 1. Herrliberg: Edition Shershir, 2012, S. 83.