Ketchup oder Mayo: Über liberalen und konservativen Islam

Muslime kannten seit Jahrhunderten eine ausdifferenzierte Begrifflichkeit, wenn es darum geht, ihr Muslimsein in eine bestimmte Tradition einzuordnen. Hier spielten die Verständniswege (madhāhib), oft vereinfacht als Schulen übersetzt, eine wichtige Rolle. Unterschiede zwischen den Muslimen waren immer Unterschiede in Verständnis und Methodik, durch welche das prophetische Erbe verstanden werden soll.

Allerdings tauchen seit dem Anbruch der Moderne und insbesondere in den letzten Jahrzehnten neue Kategorien auf, die diese Differenziertheit und Pluralität der Diskurse überschatten, ja zerstören. Die Rede ist hier von Begriffen wie orthodoxer Islam, konservativer Islam oder liberaler Islam.

Die vermeintliche Orthodoxie

Der Begriff „Orthodoxie“, also Rechtgläubigkeit, ist irreführend, weil erstens jede muslimische Tradition sich als rechtgläubig empfindet und zweitens dieser Begriff den Anschein vermittelt, dass wir hier mit klaren und voneinander scharf getrennten Traditionen zu tun haben. In der Geschichte der Muslime gab es allerdings keine Konzile, die bestimmt haben, welche Lehren als „orthodox“ und welche als Häresie gelten sollen. Es gab und gibt auch keine Kirche, die das Wesen der „orthodoxen Lehre“ bestimmt hat.

Wir können auch nicht behaupten, dass die sunnitische Tradition eine vermeintliche Orthodoxie darstellt. Ein Fehler, der oft begangen wird, ist, das Verhältnis zwischen den Sunniten und den Schiiten mit dem Verhältnis zwischen den Hauptkirchen des Christentums zu vergleichen, obwohl es hier um zwei völlig unterschiedliche Phänomene geht. Denn mit Ausnahme von einigen Punkten kreuzen sich die Wege zwischen den verschiedenen sunnitischen und schiitischen Traditionen sowohl in ihren Lehren als auch in ihren Methoden so stark, dass wir nur selten feststellen können, dass eine Ansicht exklusiv von der einen oder anderen Tradition vertreten wurde.

Ferner ist eine interessante Besonderheit, die die Muslime haben, zu bemerken, nämlich, dass sie oft den Verständnisweg, dem sie folgen, einer bestimmten Person zuschreiben. Alle Verständniswege 1 der Sunniten tragen die Namen der Stifter des jeweiligen Verständnisweges. Auch die Traditionen der Schiiten tragen die Namen der Referenzgelehrten (marādisch’). Das Gleiche gilt auch für die systematische Theologie, auch hier wurden die unterschiedlichen Traditionen nach ihren Stiftern benannt wie z. B. die Ašʿarīten, die Māturidīten usw.2

Diese Besonderheit in der Selbstbezeichnung der Muslime zeigt, dass die Muslime der Vormoderne mutig genug waren, ihre Interpretation und ihren Verständnisweg nach Menschen zu benennen. Denn das entspricht auch der Wirklichkeit. Diese Verständniswege der prophetischen Botschaft wurden nicht in schön klingende, aber irreführende Adjektive wie „islamisch“ verpackt, sondern wurden als das, was sie sind, bezeichnet, nämlich als eine menschliche Leistung, die göttliche Botschaft zu verstehen.

Die Muslime in der Vormoderne hatten auch kein Problem damit, sich den Interpretationen und Deutungen von anderen Menschen anzuschließen und ihnen zu vertrauen. Heute herrscht aber ein Misstrauen gegenüber den Menschen: Der Mensch wird lieber durch abstrakte Ideen ersetzt, oder genauer gesagt, der Mensch versteckt sich in der Moderne lieber hinter der Fassade der schön klingenden Slogans. Heute wollen viele Muslime „die richtige Erklärung an sich“ wissen und nicht die Deutung eines Menschen. Ist das blinde Vertrauen in die Idee und in das Abstrakte nicht eine moderne Form des Aberglaubens?

Konservativ oder liberal?

Noch schlimmer finde ich die Adjektive „konservativ“ und „liberal“. Ich frage mich allen Ernstes, was eigentlich Begriffe aus der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre in der Definition des Muslimseins zu suchen haben. In der politischen Philosophie selbst, aus denen diese Begriffe stammen, gibt es bis jetzt keine einheitliche Definition.

Was bedeutet überhaupt „konservativ“ oder „liberal“? Was will man konservieren oder liberalisieren? Und wer soll bitte schön bestimmen, was konservativ oder liberal ist und was nicht? Meines Erachtens wäre es ehrlicher, seinen Verständnisweg nach den Stiftern oder nach der Methodik, die man benutzt, zu benennen, anstatt abstrakte und problematische Begriffe zu importieren. Denn es gibt keine universellen Bezeichnungen, sondern nur subjektive Perspektiven.

Konservativ und liberal tragen in sich die Dialektik der Moderne, das Versprechen von scheinbar klaren und eindeutigen Kategorien, das Entweder/Oder, die Ketchup oder Mayo Denkweise. Der Begriff liberal benötigt seinen Gegenpart, um überhaupt Sinn zu machen. Selbst ernannte konservative oder liberale Muslime definieren sich mit solchen Bezeichnungen indirekt als das nicht Andere. Der Liberale ist nicht der Konservative und der Konservative nicht der Liberale.

Nicht eine ausgearbeitete Methodik oder die Menschen, die die eine oder andere Denkrichtung geprägt haben, spielen hier eine Rolle in der Definition, sondern eher die Distanzierung vom Anderen oder die Übernahme von schon vorhanden Diskursen. Das hat man davon, wenn man ideologische, ja politische Kampfbegriffe übernimmt.

Diese Adjektive werden leider nicht nur als Fremdbezeichnung verwendet, sondern wurden mittlerweile auch von Muslimen verinnerlicht. Diese Begriffe sind eigentlich eine Beleidigung der Dynamik und Pragmatik der Normenlehre (fiqh). Mit einem Begriff wie „konservativ“ oder „liberal“ wäscht man mit einem Schlag all die Pluralität, die Vielfalt und die Diskurse innerhalb der bekannten Verständniswege der Muslime weg.

Wenn jemand jetzt sagt, „ich folge dem Verständnisweg der Schafiiten oder Hanbaliten“, wird er plötzlich als „konservativ“ abgestempelt. Schlimmer noch ist es, wenn Anhänger dieser Verständnisse sich selbst als „konservativ“ bezeichnen. Das sehr liberale Ökonomieverständnis mancher Hanbaliten, und hier meine ich liberal im ökonomischen Sinne, oder die erotischen Werke von Imam Suyuti, der ein Schafiit war, führen diese oberflächlichen Bezeichnungen ad absurdum.

Das Gleiche lässt sich auch über die Bezeichnung „liberal“, die manchmal von Ideologen als Schimpfwort benutzt wird, sagen. Allerdings lassen sich viele Ansichten, die die Ideologen heute als „liberale“ Positionen bezeichnen, bei früheren Gelehrten finden.

Allein in den klassischen Diskursen gibt es hunderte Schattierungen und Nuancen, die sich diesen Klarheit suggerierenden Kategorien entziehen. Auch die Vielfalt der Muslime heute lässt sich nicht in Kategorien wie „liberal“ oder „konservativ“ einschränken, es geht hier nicht um Parteien!

Die Benutzung und Übernahme von Begriffen, die historisch gesehen als Gegensätze betrachtet wurden, implizieren dann durch die Blume, dass man sich positionieren soll. Ein Muslim kann (muss?) entweder „liberal“ oder „konservativ“ sein. Eine imaginierte Gegensätzlichkeit wird hier suggeriert. Aber so einfach ist es nicht!

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  1. Mit Ausnahme der Zahiriten, die sich aber nicht als Schule verstehen.
  2. Auch die verschiedenen Gruppen der Muʿtazilīten tragen die Namen ihrer Begründer bzw. prägender Personen.