One Piece und Theologie: Big Moms Superkraft

Am 19. Juli feierte die Mangaserie One Piece ihren 20. Geburtstag. Als Fan dieses Mangas, welches es auch in Anime-Form gibt, möchte ich diesen Tag mit einem Text auf meinem Blog feiern. Die Welt von One Piece bietet zahlreiche Diskussionspunkte, die man aus der Perspektive der Philosophie oder Theologie behandeln kann. Ich kann mir aber vorstellen, dass nur Fans von One Piece, die Interesse an theologischen Diskussionen haben, Texte wie diesen hier mögen werden. One Piece ist eine überaus komplexe Geschichte mit hunderten von Protagonisten, die die unterschiedlichen Facetten des Menschseins erzählt. Die Reiche und die Komplexität der Erzählung eignen sich als Grundlage für alle möglichen Reflexionen. Ich wähle die theologische.

Zurzeit spielen sich die Abenteuer von Ruffy und seinen Freunden in Totto-Land ab, dem Königreich von Charlotte Linlin, bekannt auch als Big Mom. Sie ist eine der Yonko, sprich eine der vier Kaiser der Meere. Ich finde sowohl die Persönlichkeit von Big Mom als auch ihr Archipel ziemlich interessant und aus diesem Grund möchte ich ein wenig darüber in diesem Text philosophieren.

Die Inseln von Big Mom sehen auf den ersten Blick paradiesisch aus. Hier möchte Big Mom ihre große Utopie erfüllen, nämlich dass alle Rassen, Menschen, Fischmenschen, Minks usw. nebeneinander harmonisch leben. Jede Insel hat jeweils einen Schwerpunkt aus der Welt der Patisserie, so gibt es z.B. eine Kakaoinsel, eine Keksinsel oder eine Marmeladeninsel. Es schneit manchmal Zuckerwatte und viele Flüsse sind aus Säften oder leckeren Getränken. Alles auf diesen Inseln ist essbar und alles ist voller Leben, ja alles ist sogar beseelt, auch die Gegenstände.

Das Reich von Big Mom ist so perfekt und die Reichsbewohner so glücklich, dass die kritische Stimme in jedem Vernünftigen sich erhebt und fragt: Wo ist denn der Hacken? Was ist die Schattenseite dieser Idylle? Denn schließlich ist Big Mom ja eine Piratin und auch nicht irgendeine Piratin, sondern eine der vier Kaiser der Meere, sprich eine der vier mächtigsten Piraten in der ganzen Welt von One Piece. Dazu kommt, dass Ruffy und seine Bande sie zur Feindin erklärt haben. Und da die einfache Logik von One Piece „wer Feind von Ruffy ist, kann nur böse sein“ lautet, stellt sich die Frage: was macht diese Frau besonders böse?

Die Antwort wird in der 786. und den darauf folgenden Episoden geliefert. Der Reichtum von Big Mom, bzw. die Rohstoffe, die den Wohlstand in ihrem Reich sichern, werden mit Gewalt erworben. Ihre Flotten überfallen andere Inseln, rauben und unterdrücken andere. Manchmal muss ein Tribut für sie bezahlt werden, sodass man von ihrer Aggression verschont bleibt.

Das ist die erste Schattenseite. Ferner muss jeder, der in ihrem Reich lebt, selbst ein Tribut zahlen und der ist nicht gering, nämlich jeder muss alle sechs Monate einen Monat der eigenen Lebensdauer an Big Mom spenden. Das wird durch die Superkraft ermöglicht, die Big Mom bekam, nachdem sie die Seele-Seele-Frucht gegessen hat. One Piece Kenner, wissen, dass es unendliche Früchte in der Serie gibt, die demjenigen, der sie isst, eine einmalige Superkraft verleihen.

Nun als jemand, der sich mit der Theologie beschäftigt, finde ich die Idee problematisch, den Tribut in Form von Teilen der eigenen Lebensdauer zu zahlen. Denn dieses Konzept führt zu ganz schwierigen theologischen Problemen, ja zu einem Widerspruch, auf den ich hier eingehen möchte.

Nehmen wir an, dass die Person A eine Lebensdauer X hat. Der Wert X ist aber eine Konstante im Wissen Gottes. Gott weiß, wie lang eine Person leben wird und weiß, welche Gründe dazu führen werden, dass die Person A diese eine Lebensdauer X haben wird. In anderen Worten ausgedrückt: Die ursprüngliche Lebensdauer im Wissen Gottes berücksichtigt das Eingreifen von Big Mom. Und genau das macht die Sache problematisch. Denn Big Mom nimmt einen Monat von der vorbestimmten Lebensdauer.

Beispiel: Gehen wir davon aus, dass eine Person im Reich von Big Mom lebt und dass die Lebensdauer dieser Person im Wissen Gottes, sagen wir mal, 6 Jahre beträgt. Gott weiß seit immer von Big Mom und weiß urewig, dass sie alle sechs Monate einen Monat nehmen wird. Das heißt eigentlich, diese Person hat als Lebensdauer nur 5 Jahre. Nun, wenn diese 5 Jahre die eigentliche Lebensdauer sind, dann wird Big Mom im Laufe dieser 5 Jahre 10 Monate vom Leben dieser Person als Tribut nehmen. Und da Gott das ja weiß, soll eigentlich die Lebensdauer dieser Person 4 Jahre und zwei Monate sein. Und die Kette wird so weiter laufen bis die Lebensdauer dieser Person den Wert 0 erreicht.

Das theologische Problem in dieser Geschichte ist: Wenn die Lebensdauer eine ewige Konstante im Wissen Gottes ist, dann kann sie sich nicht mehr verändern und Big Mom kann die Lebensdauer von keinem verringern. Denn wenn sie alle sechs Monate einen Monat von der ursprünglichen Lebensdauer nimmt und das Wissen Gottes sich nicht ändert, ist in der ursprünglichen Lebensdauer auch das Einwirken von Big Mom mit berechnet.

Dieses Problem kann man so veranschaulichen:

Lebensdauer X = Die Lebensdauer (minus) ein Monat alle sechs Monate

Wenn X = 10

dann

10 Jahre = 10 Jahre – 12 Monate

10 Jahre = 9 Jahre

Die Lebensdauer X beträgt jetzt 9 Jahre und dann wieder vom Anfang an:

Die Lebensdauer X = 9 Jahre minus ein Monat alle sechs Monate

und so weiter und so fort.

Die Superkraft von Big Mom ist mit der theologischen Lehre, die von einer einzigen Todesfrist ausgeht, schwer vereinbar.

Das Interessante ist, dass die muslimischen Theologen sehr ausführlich über die hier behandelte Frage diskutiert haben. Zwar kannten sie Big Mom nicht, aber sie haben unterschiedliche Szenarien in ihren Debatten durchgespielt.

Es gibt z.B. theologische Strömungen, die eine Zweifristen-Lehre vertreten. 1 Sie besagt, dass wenn z.B. eine Person ermordet wurde, diese Person nicht ihre ursprüngliche Lebensdauer ausgelebt hat, die sie theoretisch leben könnte. Das heißt, es gäbe hier zwei Fristen. Eine Frist, falls die Person nicht ermordet wird und eine Frist, falls die Person ermordet wird. Der Grund, warum sie diese Position vertreten, ist, dass Handlungen wie Mord oder jene von Big Mom , die Teile der Seele von jemandem raubt, ungerechte Handlungen sind, die nicht von Gott gewollt sein können. Es sind Handlungen, für die der Mensch sich freiwillig entscheidet, so die Meinung der Anhänger dieser Strömung. Diese Position ist aber nicht unproblematisch, denn dabei wird der Wille Gottes eingeschränkt. Dieses Thema gehört zu den Kernstreitpunkten zwischen den Hauptströmungen der muslimischen Theologie, die ich hier nicht weiter ausführen möchte.

Des Weiteren gibt es eine theologische Strömung, die keinen Unterschied zwischen dem Wissen Gottes und der Wirklichkeit macht. Das heißt, das Wissen Gottes war nicht vor der Schöpfung, denn die Zeit an sich ist bei dieser Strömung eine Illusion. Das Wissen und die Schöpfung Gottes sind eine Einheit. Die Schöpfung ist nur das, was wir vom manifestierten Wissen Gottes entdecken. Das, was jetzt ist und was war und was kommt, ist eine Einheit im Wissen Gottes. Wenn man die Superkraft von Big Mom aus dieser Perspektive sieht, dann nimmt sie nicht einen Teil von einer “vorbestimmten” Lebensdauer ab, sondern was sie tut, spielt sich im Wissen Gottes ab und es gibt keine reale “zeitliche” Differenz zwischen den beiden Ebenen. Ok es wird zu viel, ich höre auf…

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  1. Diese Lehre wird von Strömungen unter den Muʿtazilīten vertreten.