Star Wars, Ibn al-Arabi und die Frage der Macht

Eine Besonderheit der Lehre Imam Ibn al-ʿArabīs ist, dass man für jede Glaubensform eine Erklärung geben kann, und zwar unabhängig davon, ob diese Glaubensform durch einen Propheten vermittelt wurde, rational begründet oder imaginiert ist. Anders gesagt, egal ob diese Glaubensform eine Religion, Philosophie oder Mythologie ist, sie trägt immer etwas Wirkliches und Wahres in sich. Denn nach Imam Ibn al-ʿArabī gibt es nichts, was nicht einen Aspekt der Wahrheit beinhaltet. Dies nennt der größte Meister „das Antlitz des Wahren in den Dingen.“ Nun stellt sich die Frage, ob man das Konzept der Macht in Star Wars auch theologisch erklären kann. Die Antwort des Meisters wäre: Ja, kann man.

Es ist sogar nicht nur als Phänomen erklärbar, in dem Sinne, dass die Macht in Star Wars auch einen Aspekt der Wahrheit beinhaltet, sondern sie weist Parallelen zu Konzepten und Lehren auf, die in der Schule Ibn al-ʿArabīs bekannt sind.

Obi-Wan Kenobi zufolge ist die Macht[etwas]:

 

„die dem Jedi seine Stärke gibt. Es ist ein Energiefeld, das alle lebenden Dinge erzeugen. Es umgibt uns, es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen.” 1 

 

Nach Ibn al-ʿArabī ist das Prinzip, welches alles, was ist, zusammenhält, der Wuğūd, welcher oft mit Sein übersetzt wird. Allerdings ist Wuğūd mehr als Sein.

„Wuğūd ist nicht einfach die Tatsache des Seins oder der Existenz –die Tatsache, dass etwas da ist, das gefunden werden kann. Vielmehr ist Wuğūd auch die Wirklichkeit des Findens, was bedeutet, das es Bewusstheit, Bewusstsein, Verstehen und Wissen ist.” 2

Wuğūd ist somit das, was den Dingen ihr Dasein gewährleistet und sie durchdringt, weil ohne es können sie nicht sein und können auch kein Bewusstsein haben. Hier ist zu erwähnen, dass für den Meister alles im Kosmos ein Bewusstsein hat, welches in ein kosmisches Bewusstsein hineinfließt.

Heißt das jetzt, dass die Macht in Star Wars mit dem Wuğūd nach Ibn al-ʿArabī identisch wäre? Es muss nicht identisch sein. Aber es hat auf jeden Fall Parallelen, die man als Aspekt der Wahrheit in dieser Lehre bezeichnen kann.

Eine weitere Aussage, die auch von Obi-Wan Kenobi stammt, weist starke Parallelen mit dem Konzept des Wuğūd auf:

„Nicht einmal die Jedi wissen alles, was es über die Macht zu wissen gibt. Kein Sterblicher verfügt über ein solches Wissen. Wir sprechen vom “Willen der Macht” wie jemand, der nichts von Gravitation weiß und meint, es sei der Wille des Flusses, ins Meer zu fließen: Es ist eine Metapher, die unsere Ignoranz beschreibt. Die einfache Wahrheit lautet: Wir wissen nicht, was der Wille der Macht sein könnte. Wir können es nie wissen. Er erstreckt sich so weit jenseits unseres begrenzten Verstehens, dass wir nur vor seinem Mysterium kapitulieren können.”  3

Wenn wir das Wort Macht durch Wuğūd ersetzen würden, dann würde Ibn al-ʿArabī dieser Aussage zustimmen. Denn auch für ihn ist der Wuğūd als Ganzheit unerkennbar. Man erkennt nur partikulare Seiten des Wuğūd. Des weitern ist der Wuğūd ein Schauplatz, in welchem sich die Eigenschaften Gottes zeigen und manifestieren. Durch den Wuğūd findet die Entifikation Gottes statt. Eine ewige und fortdauernde Entifikation, die wir nie in ihrer Ganzheit erkennen können. Denn wenn man alles über den Wuğūd wissen würde, dann würde man das Wesen Gottes begreifen und somit begrenzen, was ja unmöglich ist. Alle Wege der Erkenntnis führen zum Staunen vor der Gewaltigkeit und Mannigfaltigkeit des Göttlichen. Das Kapitulieren vor dem Mysterium der Macht würde der Meister aus Andalusien das Erstaunen im Erstaunen nennen.

Bleibt noch ein Punkt, auf welchen noch eingegangen werden soll, nämlich wenn man sagen würde, dass die Macht der Wuğūd wäre, wie kann man sie aktiv benutzen und wie kann der Wuğūd eine dunkle Seite haben? Der Wuğūd nach Ibn al-ʿArabī ist etwas Neutrales. Auf der Ebene des reinen Wuğūd gibt es weder Böses noch Gutes. Böse und gut sind lediglich mentale Zuschreibungen, die keine wahre Existenz in den Dingen haben. Alles, was ist, ist eine Manifestation einer oder mehrerer göttlicher Eigenschaften, die unter zwei große Kategorien zusammengefasst werden. Es gibt die Eigenschaften der göttlichen Gewaltigkeit und die Eigenschaften der göttlichen Schönheit. Wenn eine Person sich für gute Taten entscheidet, dann reflektiert sie Eigenschaften Gottes in ihrer Tat und das gleiche passiert, wenn sie schlechte Taten begeht. Allerdings ist die Bosheit nicht in den Eigenschaften Gottes selbst vorhanden. Sie ist die Bewertung Gottes für die Entscheidung dieser Person. Nehmen wir z.B. Zorn. Zorn ist auch eine Eigenschaft Gottes und gehört zu den Eigenschaften der Gewaltigkeit. Zornig zu sein ist nicht immer falsch. Aber entscheidet man sich für den Zorn in einem Moment, wo man keinen Zorn zeigen darf, dann hat man zwar die neutrale Eigenschaft Gottes „Zorn“ manifestiert, aber die Entscheidung für diese Tat wird von Gott als eine schlechte Tat bewertet. Es gibt auch Diskussionen darüber, dass die Macht sowohl in ihrer dunklen als auch in ihrer hellen Form etwas Neutrales ist. Es hängt immer davon ab, wie man sie einsetzt und wie man sich entscheidet. Jedi-General Bardan Jusik sagte einst:

„Wir glauben immer, jemand, der die Macht nutzt, stünde vor der Wahl zwischen heller und dunkler Seite, zwischen Jedi und Sith. Aber ich glaube, es gibt darüber hinaus eine unendliche Vielzahl von Möglichkeiten.” 4

Diese Vielzahl der Möglichkeiten ist zentral und es gibt in der Tat im System Ibn al-ʿArabīs eine Person, die sowohl die dunkle als auch die helle Seite der Macht bzw. alle Manifestationen Gottes in sich trägt und meistert, nämliche der Perfekte Mensch, der verschiedene Erscheinungen hat. Die höchste davon ist der Gesandte Gottes ﷺ .

Möge die Macht mit euch sein!

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  1. Lucas, George: Star Wars: Episode IV – A New Hope, 1978.Lucas, George: „Star Wars: Episode IV – A New Hope“, 1978. 
  2. Chittick, William C.: Ibn Arabi: Erbe der Propheten, Herrliberg: Edition Shershir 2012, S. 53 f.
  3.  Stover, Matthew: Star Wars – Episode III – Die Rache der Sith, übers. von Andreas Brandhorst, Blanvalet Taschenbuch Verlag 2015.Stover, Matthew: Star Wars – Episode III – Die Rache der Sith, übers. von Andreas Brandhorst, Blanvalet Taschenbuch Verlag 2015.
  4. Traviss, Karen: Star Wars – Republic Commando: True Colors, 1. Aufl., Stuttgart: Panini 2008. Traviss, Karen: Star Wars – Republic Commando: True Colors, 1. Aufl., Stuttgart: Panini 2008.