Sunna-Kleidung gibt’s nicht!

Auf meinem Weg zur Moschee sehe ich manchmal junge Männer mit einem weißen Gewand, die dazu Nike oder Adidas Schuhe tragen. Ihrer Vorstellung nach würden sie damit eine Sunna-Kleidung tragen, mit der sie ja schön durch die Gegend stolzieren. Nun, der Prophet ﷺ trug jedoch weder Nike Schuhe noch ein weißes Gewand made in China.

Was heute viele vergessen, ist, dass der Prophet ﷺ und die frühen Muslime, abgesehen davon, dass sie den Begriff Sunna-Kleidung nicht kannten, die gleiche Kleidung wie die Polytheisten aus Mekka trugen. Damals haben viele Menschen ihre Kleidung selbst gestrickt (das ist übrigens auch eine Sunna) und die Kleidungen, die man auf den damaligen Märkten kaufen konnte, wurden nicht nur von lokalen Schneidern hergestellt, sondern stammten aus dem byzantinischen oder persischen Reich, aus dem Jemen oder aus Indien. Das heißt in anderen Worten, die Muslime damals haben das getragen, was die Menschen sonst auf der Welt getragen haben. Der Prophet ﷺ ist nicht gekommen um einen bestimmten Kleidungsstil zu etablieren, schließlich ist er kein Modedesigner. Der Prophet ﷺ hat allgemein über die Bedeckung des Körpers gesprochen und den Menschen vor Hochmut und Angeberei durch die Kleidung gewarnt.

Als andere Völker den Islam angenommen haben, haben sie damals nicht einen bestimmten Kleidungsstil übernommen. Die Muslime in Marokko z.B. haben andere Kleidungen als die Muslime in China und die Muslime in Indonesien kleiden sich anders als die Muslime in Ägypten oder in der Türkei. Ja, vor der Gleichschaltung der Kleidung durch die Globalisierung gab es innerhalb eines Landes unterschiedliche Kleidungsstile. Ein Muslim im 21. Jh. in Deutschland, der eine Hose und eine Jacke trägt, folgt nicht weniger der Sunna des Propheten ﷺ als ein anderer, der jetzt z.B. ein Gewand trägt. Beide tragen moderne Kleidungen und beide bedecken ihren Körper. Zu denken, man würde frommer sein und mehr Sunna praktizieren, wenn man eine bestimmte Kleidung trägt, ist einfach eine naive Vorstellung sowohl von der Sunna als auch von der Modegeschichte.

Wie sich der Prophet ﷺ und die frühe Gemeinde angezogen haben, zieht sich heute keiner an, auch wenn viele dieses Wunschdenken haben und auch wenn viele denken, die Kleidungsart würde irgendwie wie ein Hadith überliefert. Schon die knall-weiße, gebleichte, industriell hergestellte weiße Farbe kannte man vor der Industrialisierung nicht. Wenn in den alten Quellen von weißer Farbe die Rede ist, dann ist damit eher eine hell-beige Farbe gemeint, denn die hohen Bleichgrade kann man nur chemisch erzeugen und nicht mit den alten Bleichmitteln der Antike. Das heißt: Mit hoher Wahrscheinlichkeit kannten die Muslime früher die knalle-super-duper weiße Farbe unserer Zeit nicht.

Auch die Schnitte und Muster waren früher anders als heute. Gott sei dank gibt es Beschreibungen, Miniaturen und auch Kleidungsreste aus früheren Jahrhunderten, die man in den Museen sehen kann. Die Kleidung, genauso wie andere Elemente der Kultur wie die Küche oder die Kunst, ist in einem ständigen Wandel. Ich würde nicht übertreiben, wenn ich sagen würde, dass das meiste, was heute als Sunna-Kleidung verkauft wird, wenn sie nicht eine Erfindung des 20. Jh. ist, höchstens eine Reliquie aus der Mode des 19. Jh. ist.

Seit wann verdient eine Kleidung aus Polyester oder aus Baumwolle, die von modernen Sklaven des Weltmarktes produziert wird, den Zusatz Sunna? Entspricht die Produktionsweise in China oder Bangladesch dem Mindestmaß an Menschenwürde für die gerade der Prophet ﷺ mit seiner Sunna stand? Es ist wirklich eine Anmaßung, so eine Kleidung eine Sunna Kleidung zu nennen. Es ist nur eine Kleidung ohne jeglichen Zusatz. Und nein, es gibt keine Sunna Kleidung. Diese weißen Gewänder, made in China, entsprechen in ihrem Schnitt, Farbe und Muster moderner Kleidung unserer Zeit und haben mit der Kleidung des Propheten ﷺ oder der Menschen im 7. Jh. nicht viel zu tun. Ja genauer gesehen sind diese Gewänder nur europäische Hemden…die bis zu den Knöcheln gehen, nichts mehr und nichts weniger.

Das gleiche gilt auch für die Kleidung aus Saudi Arabien, Afghanistan, Pakistan oder Marokko. Diese Kleidung hat soviel mit der Sunna zu tun, wie eine Jeans und eine Lederjacke, doch subtilerweise folklorisiert sie sich zum Sunna Style. Man darf lokale Kleidungsstile aus unserer Zeit nicht zu einem Prototyp einer vermeintlichen Sunna Kleidung emporheben. Nein, der Prophet ﷺ hat sich nicht wie ein Saudi oder ein Pakistaner des 20. Jh. gekleidet und nein, er hat sich nicht wie ein Osmane aus dem 18. Jh. angezogen. Würde er und seine Gemeinde in unserer Zeit leben, dann würde er sich wie die Leute seiner Umgebung bekleiden, und das ist die Sunna.

Ein noch schlimmeres Problem ist das Stolzieren mit Sunna Style Kleidung und noch schlimmerer ist das Kategorisieren von Menschen anhand ihrer Kleidung. Die Frömmigkeit von den Menschen wird durch ihre Kleidung bestimmt, so denken viele Muslime, die von der visuellen Kultur der Moderne geprägt sind. Sätze wie „Maschallah er oder sie trägt Sunna-Kleidung“ geben den Anschein, als wäre diese Person wegen einer Kleidung eine bessere Person. Der Prophet ﷺ sagte hingegen: „Es gibt Männer mit staubigen ungepflegten Haaren, die lediglich zwei Lumpen tragen und doch, würden sie von Gott etwas verlangen, dann würde Gott ihre Bittgebete erhören.“ Der Prophet ﷺ will uns damit sagen, dass man nicht anhand der Äußerlichkeit über die Innerlichkeit des Menschen Schlüsse ziehen darf.

Heute hat man aus dem Abstraktum Sunna-Kleidung eine Marke gemacht, die man schön in die Kategorien des Kapitalismus eingeführt hat. In zahlreichen sogenannten „Online Shops“, also Online Läden, sehe ich die Bezeichnung wie Jogging Kleidung Sunna Style oder sonstige Kleidungsstücke, die man sunnatisiert. Von mir aus kann man tragen, was man will, aber bitte lasst die Sunna und den Propheten ﷺ in Ruhe und macht aus der Sunna kein Label für die Vermarktung.