Warum eine Reform des Islams problematisch ist – Teil 1

Reform als Begriff hat heute in unserer Alltagssprache eine positive Konnotation. Er birgt in sich Fortschritt, Weiterentwicklung und Modernisierung. Allerdings war im Kontext des Konstrukts Religion Reform oft im Sinne einer Rückkehr zum Alten verstanden.1 Reform bedeutet wortwörtlich, etwas umgestalten bzw. neu gestalten.

Ich werde hier nicht auf die Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche eingehen. Jene Phase der europäischen Geschichte, in der verschiedene protestantische Strömungen entstanden sind. Die protestantische Reformation führte zu mehreren Kriegen, die Europa zwischen dem 16. und 17. Jh. heimsuchten. Allerdings war sie auch ein Hauptfaktor für die darauf folgende Aufklärung. Die Idee, dass eine „religiöse“ Reform eine Voraussetzung für den Fortschritt darstellt, wurde gegen Ende des 19. Jh. von einigen muslimischen Gelehrten rezipiert. Die europäische Erfahrung wurde dabei als etwas Universelles betrachtet und nicht als eine historische Episode, die von einem Kontext und mehreren Prämissen abhängt. Diese Vorstellung führte zum Fehlschluss, dass das, was die Europäer zwischen dem 16. und 18. Jh. durchmachten, auf andere Kontexte übertragbar wäre. Dies führte zur Entstehung mehrerer Reformbewegungen im muslimischen Kontext, die ganz unterschiedlich sind, die aber mehrere Gemeinsamkeiten haben, die wichtigste davon: das Scheitern.

In der vorliegenden vierteiligen Textreihe geht es nicht um die Reformbewegungen des 20. Jh., wie die verschiedenen Gruppen der Salafisten, die Muslimbrüder, die Ex-Marxisten und andere Randerscheinungen des kalten Krieges. Vielmehr möchte ich einige Punkte, die den Reformdiskurs allgemein betreffen, anschneiden und die Position erläutern, warum eine Reform im christlichen Sinne schwer auf den muslimischen Kontext übertragbar bzw. unübertragbar ist. Dabei möchte ich mich auf drei Kernpunkte konzentrieren: der Essentialismus, die Frage nach dem Träger der Reform und die Frage nach dem Wissen. In diesem ersten Teil gehe ich auf den ersten Punkt ein.

Nicht selten wird im deutschen Kontext, aber auch in anderen Kontexten von der Reform des Islams gesprochen. Das eine Buch heißt: „Reform des Islam: 40 Thesen“, das andere: „Reformiert euch!: Warum der Islam sich ändern muss“ und die Liste der Beispiele lässt sich beliebig erweitern. Diese Rhetorik findet man nicht nur bei sogenannten „Liberalen“, sondern auch bei Strömungen wie den Muslimbrüdern oder den Salafisten. Die einen wollen DEN ursprünglichen Islam, die anderen wollen DEN Islam reformieren, die einen wollen DIE Muslime reformieren und für die anderen ist DER Islam die Lösung. Es wird über “den Islam” gesprochen, obwohl es historisch und faktisch betrachtet nur unterschiedliche Strömungen unter den Muslimen gab und gibt. Diese Strömungen haben sich im Laufe eines jahrhundertlangen Diskurses herauskristallisiert, die man nicht durch bloße Imperative vom Erdboden verschwinden lassen kann. Was ich bei “den Reformern” als Theologe vermisse, ist eine seriöse Auseinandersetzung mit den Prämissen, Methoden und Positionen dieser Schulen. Dass man einfach mit vorgefertigten Meinungen kommt, die selber von Prämissen abhängen und einer Beweisführung schuldig sind, und dann von “Muslimen” erwartet, dass sie diese Positionen als universelle Wahrheit annehmen, finde ich sehr problematisch. Denn das machen Ideologen auch.

Kritik im muslimischen Kontext um bestimmte Probleme zu lösen, ist eher fruchtbar, wenn sie erst einmal an konkrete Grundlagen, Methoden und Positionen der jeweiligen Schulen der Theologie und Normenlehre gerichtet ist. Das führt uns aber zu einer zentralen Frage in diesem Zusammenhang, und zwar basierend auf welcher Erkenntnislehre wollen wir die Tradition kritisch bewerten? Abgesehen davon, dass es kaum muslimische Reformer gibt, die erst einmal ihre Erkenntnislehre darlegen, bleibt eine seriöse Auseinandersetzung mit den zahlreichen Erkenntnislehren der unterschiedlichen theologischen Disziplinen auf der Strecke.

Spricht man vom Islam, dann blendet man die ganze Vielfalt, die die Muslime prägt, aus. Welchen Islam und welche Muslime meinen die Reformer? Etwa die Ḥanafīten? Wenn ja, welche Ḥanafīten denn? Die aus dem Subkontinent, die aus der Türkei, die aus Zentralasien, die aus Ägypten oder die Türken im Ruhrpott? Oder meinen sie die Mālikīten? Wenn ja, dann welche? Denn es gibt mehrere Strömungen unter den Mālikīten. Oder meinen sie die schiitischen Imāmīten? Wenn ja, dann welchen Referenzgelehrten (marǧiʿ) meinen sie? Denn es gibt unter den Imāmīten zahlreiche Referenzgelehrte und jeder hat seine eigenen Positionen und Methodiken. Und all diese Strömungen sind mehr oder weniger in Deutschland bzw. Europa vertreten. Es gibt nicht die Muslime. Muslime in Deutschland haben völlig andere Probleme als beispielsweise Muslime im Sudan oder in China.

Der Islam kann nicht reformiert werden aus dem einfach Grund, weil es diesen Islam, der illusioniert wird, ganz und gar nicht gibt. Der Diskurs gleicht in diesem Fall einem Kampf gegen die Windmühlen. Darüber hinaus kann man gar nicht über Islam reden ohne über Muslime zu reden, und man kann nicht über Muslime reden, ohne über ihr Menschsein zu reden, und man kann nicht über das Menschsein reden, ohne über die vielen Aspekte, die das Menschsein prägen, zu reden, wie die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Kultur, die Psyche und und und. Das Bild, das wir jedoch bei den meisten sogenannten Reformern finden, definiert die Muslime fast nur anhand ihres Muslimseins.

Man kann entweder eine komplett neue Lesart des prophetischen Erbes entwickeln und als eine unter vielen betrachten. In diesem Fall müssen die Vertreter dieser Lesart ihre Methode und Positionen begründen und erklären, warum ihre Lesart mehr Sinn als andere macht. Oder man kann vorhandene Lesarten weiterdenken, indem z. B. Errungenschaften aus anderen Wissenschaften in die Erkenntnisfindung integriert werden. Allerdings haben wir es in beiden Fällen mit Lesarten zu tun und nicht mit dem Islam.

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  1. Vgl. Blau, Joseph L.: Reform, in: Lindsay, Jones (Hrsg.): Encyclopedia of Religion, 2 edition Aufl., Detroit: Macmillan Reference USA 2004, S. 7651.