Warum fasten wir? (Teil 1)

Das arabische Wort für Fasten ist ṣawm. Genauer betrachtet ist die genaue Bedeutung des Wortes eher die Enthaltung und die willentliche Unterlassung von etwas. Auf der Ebene der Normen bedeutet ṣawm sich des Essens, Trinkens und Geschlechtsverkehrs enthalten und zwar von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Allerdings ist das Fasten mehr als nur eine Unterlassung von zwei menschlichen Grundbedürfnissen für eine bestimmte Zeit. Durch das Fasten drückt man in erster Linie den Willen aus, etwas zu unterlassen, weil Gott es von uns verlangt. Somit wird durch das Fasten die Hingabe, auf Arabisch islām, verwirklicht. Nicht ohne Grund ist diese Praxis eine der fünf Säulen der Hingabe gegenüber Gott. Aber die Verwirklichung der Hingabe ist nicht allein Sinn und Zweck dieses gottesdienstlichen Aktes. Der Auserkorene ﷺ sagte, wie es gemäß einer Überlieferung bei Imam al-Buḫarī steht: „Wer auch immer nicht die falsche Rede und das unrechte Handeln unterlässt, braucht nicht auf das Essen und Trinken zu verzichten.“ 1 In anderen Worten sagt der Gesandte Gottes ﷺ, dass das Fasten nicht nur aus Verzicht auf körperliche Bedürfnisse besteht, sondern vielmehr besteht das Fasten aus einer inneren Dimension, die in Wirklichkeit der Kern des Fastens ist.

Das Fasten ist also nicht nur eine Verwirklichung der Hingabe gegenüber Gott, sondern auch eine Verwirklichung der Menschlichkeit. Durch die Absicht des Fastens zeigt der Mensch, dass er in der Lage ist, Herr über seine Triebseele bzw. über sein Selbst sein zu können oder anders gesagt: Dadurch zeigt der Mensch, dass er das Vermögen besitzt, sich selbst zu zügeln. Dieses Vermögen wird auf Arabisch ʿaql genannt, was genau das gleiche Wort ist, das man auch für Vernunft bzw. Begriffsvermögen benutzt. Gerade dieses Vermögen ist ja das, was die Menschen von den Tieren unterscheidet. Denn Fasten ist etwas, was nur der Mensch kann. Tiere hingegen werden von den Trieben und Instinkten gelenkt. Ein Tier, wenn es Hunger hat und Futter vor sich hat, wird davon fressen, anders kann es nicht. Der Mensch hat aber die Fähigkeit, sich gegen seine Triebe zu entscheiden und zu handeln. Das Fasten lehrt uns also, dass wir wohl in der Lage sind, unser Selbst zu beherrschen, dass wir in der Lage sind, absichtlich auf Dinge zu verzichten und dass wir die Herren über die Dinge sind und nicht andersherum.

Und genauso wie wir kraft des Willens auf äußerliche Bedürfnisse verzichten können, so können wir auch dadurch unsere Gedanken, Handlungen und Absichten kontrollieren und auf die falschen Aussagen und Handlungen verzichten. Durch das Fasten verwirklicht der Mensch gerade seine Menschlichkeit, sprich, das, was ihn als Mensch ausmacht und das, was ihn von den Tieren unterscheidet. Wir entwickeln dadurch ein Bewusstsein für das, was rein menschlich in uns ist und das, was wir mit Tieren teilen.

Darüber hinaus ist das Fasten auch ein Ausdruck der Freiheit. Man zeigt dadurch, dass man kein Sklave seiner Begierde ist, dass die materiellen Dinge uns nicht binden und fesseln, dass wir wohl auf das Weltliche verzichten können. Denn Freiheit, wie sie von den Sufis definiert wurde, ist: die Unabhängigkeit von allem außer Gott.2 Der Fastende soll durch das Fasten ein Bewusstsein entwickeln, dass er nur von Gott allein abhängig ist, dass seine wahre Natur die Freiheit ist. Man löscht für eine gewisse Zeit durch das Fasten die tierähnliche Seite von uns, um unsere geistige Seite wahrzunehmen. Es ist in gewisser Weise eine Form der Entwerdung (fanāʾ). Dieses Bewusstsein wird während des Fastens entwickelt und soll uns auch nach dem Fasten begleiten. Das Fastenbrechen heißt auf Arabisch ifṭār, dieses Wort stammt aus der Wurzel f-ṭ-r, was ursprünglich spalten bedeutet. Das Fastenbrechen ist somit eine Spaltung, es ist eine Spaltung, die unsere geistige von der tierähnlichen Natur trennt. Denn man isst und trinkt jetzt bewusst. Die tierähnliche Natur, auf die wir nicht dauerhaft verzichten können, dauert zwar fort, aber als eine uns bewusste Natur. Es ist ein Fortdauern (baqāʾ) mit Achtsamkeit und nicht mit Unachtsamkeit (ġafla).

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  1. Ṣaḥīḥ al-Buḫarī: bāb aṣ-ṣawm: Link
  2. al-Qušayrī, Abū al-Qāsim: ar-Risāla al-qušayriyya, Beirut: Dār al-minhāğ 2017, S. 494.