Warum fasten wir? (Teil 2)

Wie schon im ersten Teil erklärt wurde, ist das Fasten die Enthaltung und die willentliche Unterlassung von etwas. Wir haben gesehen, dass es beim Fasten nicht nur um die Unterlassung körperlicher Bedürfnisse geht, sondern auch um die Unterlassung der negativen Eigenschaften des Selbst, sodass man seine Menschlichkeit verwirklicht. Dies ist aber nicht das Endziel des Fastens.

Das Herz des Menschen ist wie ein Gefäß, in welches alles hineinfließt, was der Mensch äußerlich und innerlich erfährt. Das Fasten lehrt uns, bewusst mit den „Inputs“ und „Outputs“ unseres Selbst umzugehen. Denn das ist die Voraussetzung für die Gotteserkenntnis. Wenn das Herz mit allen möglichen Gedanken gefüllt ist und mit Anhaftungen (taʿalluqāt) gefesselt ist, dann kann so ein Herz das Göttliche nicht erkennen. Denn es ist stets mit der nichtgöttlichen Seite des Ganzen beschäftigt; eigentlich ist es, genauer betrachtet, stets mit der Illusion beschäftigt. Das höchste Ziel des Fastens, wie auch aller anderen Gottesdienste, ist, das Selbst von der Illusion zu befreien, die uns an der Gotteserkenntnis hindert.

Die Unterlassung von weltlichen Dingen hilft uns dabei, uns auf die profunde Seite unseres Daseins zu konzentrieren. Idealerweise soll das Fasten von Gottesgedenken (ḏikr) und Nachdenken bzw. Meditation über die Gottesnamen (fikr) begleitet werden. Denn das Fasten ist ein Prozess der Entleerung (taḫliya), dem dann ein Prozess der Veredlung (taḥliya) folgt. Um den Prozess der Entleerung zu fördern, soll unser Herz mit Gott beschäftigt werden. Denn die weltlichen Dinge, wenn sie separat von Gott gedacht werden, hinterlassen ihre Spuren in unserem Herzen. Diese Spuren entwickeln sich dann zu Gedanken, Ideen und Vorstellungen, die unseren Willen und unsere Neigungen beeinflussen werden. Wenn der Gegenstand der Gedanken die Dinglichkeit der Dinge ist, dann sind unsere Bestrebungen und Sorgen stets weltlicher Natur. Aber auch unsere Beziehung mit Gott wird dadurch beeinflusst, drum sagte Imam Ibn ʿAṭāʾillāh al-Iskandarī (gest. 1309):

Es mag sein, dass Lichter dich erreichen und finden das Herz aufgefüllt mit den Formen der Anhaftungen, und so ziehen sie fort, woher sie kamen. Leere dein Herz von Allem außer Gott, so füllt Er es mit Erkenntnissen und Geheimnissen.“ 1

Die Lichter Gottes und Seine Gaben erneuern sich in jedem Atemzug, die Frage ist nur, ob wir das wahrnehmen oder nicht. Wodurch werden unsere Gedanken gelenkt? Das Herz wird vom geringsten Ding beeinflusst, deswegen ist es wichtig, Herr über sich selbst zu werden.

Einst sagte ein Sufi:

Ich stand vierzig Jahre vor der Tür meines Herzens und wann auch immer ein Gedanke über etwas anderes außer Gott aufkam, wies ich es zurück.2

Bedeutet das, dass wir uns von der Welt komplett abwenden sollen? Nein, denn es geht hier nicht um eine Dualität zwischen Gott und Welt, zwischen Geist und Körper, sondern gerade um das Gegenteil. Es geht um die Einheit des Ganzen. Unser Blick auf die Dinge und auf die Welt ist das, was hier wesentlich ist. Was sind all die Sachen, die wir sehen? Was ist die Welt? Wenn wir die Dinge von Gott trennen, dann ist das problematisch. Das Fasten und die Entleerung des Herzens helfen uns dabei, die Welt nicht nur als bloßes Dasein, das halt existiert, wahrzunehmen, sondern als eine Manifestation von vielen Eigenschaften Gottes. Dieser Sinn für die Welt ist etwas, was wir lernen können. Die Dinge sind nicht nur bloße Dinge, sondern alles, was ist, ist eine Konkretisierung der göttlichen Eigenschaften und Namen. Dies fast die Aussage von Abū Bakr aṣ-Ṣiddīq zusammen: „Was auch immer ich sehe, so sehe ich dabei Gott davor.“ 3 In diesem Sinne schrieb Imam al-Ǧīlī (gest. 1424) in einem seiner bekannten Gedichte :

Mein Fasten ist, das Blicken von allem außer Dir zu unterlassen.4

Dazu schrieb Imam an-Nābulsī in seinem Kommentar (gest. 1731):

Damit meint er das innerliche Fasten, sprich, nichts anderes außer dem Wirklichen, erhaben ist Er, zu blicken. Denn die Dinge sind nichtexistent neben der Existenz des Wirklichen, erhaben ist Er.5

Normalerweise leben wir aber in der Unachtsamkeit. Dazu gehört auch, dass wir uns von der Zeit mit all ihrem Drängen vereinnahmen lassen. Der Sinn, warum Gott fünf Gebete am Tag, einen Monat des Fastens im Jahr und die Pilgerfahrt einmal im Leben vorgab, liegt auch darin, dies als wichtige „zeitliche“ Stationen für uns festzulegen.

Diese Stationen sind wie Häfen in dem Ozean der Zeit. Von dort nehmen wir unseren Proviant auf für die Reise, die wir in der Zeit unternehmen, nämlich die Reise zu Gott. Allerdings sagt der Prophet ﷺ uns, dass diese Zeit, die uns trägt und im ständigen Wandel ist, auch wiederum nichts anderes als eine Manifestation Gottes ist. In einer Überlieferung in Ṣaḥīḥ al-Buḫarī überliefert der Auserkorene ﷺ von Gott: „Der Mensch beschimpft die fortdauernde Zeit und Ich bin die fortdauernde Zeit.“ 6 Wenn unsere Reise in der Zeit ist und wenn Gott die fortdauernde Zeit selbst ist, dann ist Erkenntnis nicht etwas, was am Ende der Reise stattfindet, sondern sie ist etwas, was schon jetzt möglich und zugänglich ist. Dafür muss das Herz, das nun nicht mehr mit allen möglichen Gedanken und Anhaftungen gefesselt ist, lediglich in den Ozean eintauchen, um die Perlen zu holen; tut es dies nicht, dann sieht das Herz nur die Wellen.

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  1. Ibn Ağība, Aḥmad: Iqāḍ al-himam fī-šarḥ al-ḥikam, Beirut: Dār al-Kutub al-ʿIlmiyya 2005, S. 373.
  2. al-ʿAlāwī, Aḥmad: al-Minaḥ al-quddūsiyya fī šarḥ al-muršid al-mūʿīn ʿbi-ṭarīqat aṣ-šūfiyya, Mostaganem (Algerien): al-Maṭbaʿa al-ʿalāwiyya bi-mustaġānim, S. 318.
  3. Ibn al-ʿArabī, Muḥyī ad-Dīn: al-Futūḥāt al-makkiyya, Kairo: Dār al-Kutub al-ʿarabīyya 1911, Bd. 3, S. 278.
  4. al-Ǧīlī, ʿAbd al-Karīm: an-Nawādir al-ʿayniyya, Beirut: Dār al-ǧīl 1988, S. 59.
  5. an-Nābulsī, ʿAbd al-Ġaniyy: al-Maʿārif al-ġaybiyya fī šarḥ al-ʿayniyya, Beirut: Books Publisher, S. 62.
  6. Ṣaḥīḥ al-Buḫarī: Kitāb al-adab: Link