Wessen Sexualmoral und welche muslimische Frau? – Eine Replik auf Karen Krüger

In ihrem Artikel „Unterm Kopftuch sitzt die Scham“ versucht die Autorin Karen Krüger der Sexualmoral im Islam auf den Grund zu gehen, indem sie die Ergebnisse ihres Gespräches mit einer Gynäkologin schildert. In diesem Text ist die Rede von muslimischen Frauen, muslimischen Männern, muslimischer Kultur und muslimischem Kulturkreis. Alles imaginäre Kategorien.

Es geht mir nicht darum, über die Sexualität von Frauen als Gegenposition zu einer Frau zu schreiben, sondern ich möchte das Thema aus einer kulturwissenschaftlichen und theologischen Perspektive und als Mann betrachten. Ich verstehe mich auch nicht als Fürsprecher der Musliminnen.

Wenn man von den muslimischen Frauen als einer klar definierbaren Kategorie spricht, das man denkt, erforschen zu können, dann redet man von einer Kategorie, die es nicht gibt. Was ist überhaupt eine muslimische Frau? Dem Nominalismus treu, würde ich sagen, dass es da draußen nur einzelne Frauen gibt. Jede Frau hat ihre eigene Sozialisierung, Hintergrund und Biographie. Dass es also Unfug ist, alle türkischen Frauen mit all ihren vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründen in ein und die selbe Kategorie mit ägyptischen oder indonesischen Frauen, die unter sich schon sehr unterschiedlich sind, in eine Schublade zu stecken, ist recht offensichtlich. Schon die Musliminnen aus den verschiedenen Gesellschaftsschichten in Istanbul untereinander sind sehr verschieden. Sie mit den Musliminnen aus einem pakistanischen oder senegalesischen Dorf in einen Topf zu werfen, ist einfach unredlich.

Sind Frauen “muslimischen Glaubens” aus einem Bezirk in Berlin für einen Raum, der sich geographisch vom Atlantik bis nach Südostasien und zeitlich auf 1400 Jahre erstreckt, repräsentativ? Nein, sind sie nicht.

Im Text selber ist es nicht deutlich, über wen die Autorin spricht. Der Artikel wird mit dem Satz „Wer wissen will, wie Sexualmoral im Islam aussieht, muss eine muslimische Frauenärztin fragen.“ eingeleitet. Liest man allerdings weiter, dann ist nur die Rede von Berlinerinnen mit einem türkischen Hintergrund. Sie repräsentieren weder die Türkinnen allgemein noch „die Musliminnen“. So bleibt die Frage offen, über wessen Sexualität will uns die Autorin berichten, die der Türkinnen in Deutschland, die der Deutschen mit türkischen Eltern, die der Türken überhaupt oder gar die der Musliminnen weltweit? Und kann man das überhaupt nur anhand eines Gespräches mit einer einzelnen Gynäkologin?

Auch wenn es die geschilderten Probleme in der Tat gibt, blendet diese grobe Pauschalisierung all die Musliminnen aus, die kein Problem mit ihrer Sexualität haben. Aber auch die Musliminnen, die in ihren Gemeinden und Communities Aufklärungsarbeit unter Frauen betreiben.

Ferner bezweifle ich stark, dass die Musliminnen, die hier geboren wurden und zur Schule gegangen sind, über das Thema Sexualität in den Schulen nicht aufgeklärt wurden und dass sie nicht aus Neugier im Internet zu dem Thema googeln. Wenn nicht, dann muss man unser Schulsystem auch in Frage stellen. Schon dass man beim Thema Sexualität das Muslimsein dieser Frauen in den Vordergrund stellt, suggeriert, wenn auch nur unterschwellig, dass die angesprochenen Probleme irgendwie mit der Religion dieser Frauen zu tun haben. Genau das stelle ich in Frage.

Die Muslimische Kultur

Das, was über die muslimische Frau gesagt wurde, gilt auch für die sogenannte muslimische Kultur. Sie ist genauso eine imaginäre Kategorie der Moderne. Die türkische Kultur, wenn man überhaupt von so einer großen Erzählung reden kann, hat vielleicht mehr Gemeinsamkeiten mit der griechischen oder italienischen Kultur als mit einer Insel wie Sumatra oder einem westafrikanischen Land. Obwohl die Türkei und Indonesien zwei Länder mit einer muslimischen Mehrheitsbevölkerung sind und obwohl die Gesellschaft in, sagen wir einmal, Sizilien mehrheitlich katholisch ist, so hat die Türkin, was die Kultur betrifft, viel mehr Berührungspunkte mit der Sizilianerin als mit einer Indonesierin. Wie kann man dann noch von einem muslimischen Kulturkreis reden, bei so vielen Faktoren und Nuancen, die eine Kultur prägen?

Muslimische Kultur ist ein reines Abstraktum. Darunter kann man alles und nichts verstehen. Man kann lediglich von konkreten kulturellen Phänomenen, die man auch mit Namen erwähnt, reden. Klar ist, die Religion, wie überall der Fall, ist kulturprägend und kulturstiftend, aber sie ist nur ein Aspekt einer langen Reihe von Inputs und Faktoren. Mal ist die Religion stark präsent und mal ist sie dezent in einer Kultur vorhanden, da alles, auch die Kultur und das Religionsverständnis, stets im Wandel sind.

Die Kultur indirekt mit der Religion gleichzusetzen und gar der Kultur eine religiöse Bezeichnung zu geben, führt dazu, dass man die vielen anderen Faktoren, die die Kultur prägen, ausblendet, wie z. B. die Sprache, die Gesellschaftsstrukturen, die Bräuche, die Geographie usw. Problematischer ist noch, dass diese Ausblendung auch der Grund dafür sein kann, dass man die tatsächlichen Ursachen mancher Probleme, wie z.B. hier die Probleme bei der Sexualität, falsch diagnostiziert.

Wenn man über die Sexualität der „muslimischen Frauen“ spricht und dann ihr Muslimsein betont und ihre sexuellen Probleme in ihrer muslimischen Kultur lokalisiert, suggeriert man dass diese Probleme der Religion entstammen, als ob es diese Probleme nur unter den Musliminnen gäbe. Wenn aber die gleichen Probleme bei anderen Frauen aus den Mittelmeerländern oder Ländern um das Schwarze Meer, die gar nicht muslimisch sind, zu Tage treten, dann haben diese sexuellen Probleme mit anderen Faktoren und nicht mit einer Religion zu tun.

Islam als Teil der Lösung

Beim Lesen des Textes von Karen Krüger hat man das Gefühl, dass diese Frauen sexuelle Probleme haben, weil sie Musliminnen sind. Beschäftigt man sich aber mit dem Thema Sex und Erotik bei den Muslimen in seiner historischen und theologischen Dimension, dann würde ich sagen, diese Frauen dürfen diese Probleme gar nicht haben, gerade weil sie Musliminnen sind.

Gerade die Theologien des Islam schätzen den Sex des Menschen und den Genuss, den Intimität mit sich bringt. Schon in den Worten des Propheten Muhammed wird das Vorspiel empfohlen, die sexuelle Befriedigung der Frau geboten und Sex als ein Gottesdienst bezeichnet – und nicht als etwas Unreines. In der Tradition muslimischer Gelehrter bis zur Vormoderne findet man eine Fülle an erotischer Literatur und Texte, die sich mit dem Thema Sex aus den verschiedensten Aspekten beschäftigen, wie ich das in meinem Buch aufgezeigt habe.

Sie haben das Thema aus medizinischer, rechtlicher, ethischer und rein erotischer Perspektive behandelt und dazu kann man die literarische Perspektive hinzufügen. Nimmt man als Beispiel zwei bekannte Bücherkataloge aus unterschiedlichen Epochen, der erste aus dem 10. Jh. und der andere aus dem 17. Jh. dann findet man dutzende Werke, die ausschließlich die Erotik und den sexuellen Akt behandeln. Dazu kommen hunderte Liebesgeschichten und Ratgeber, die keine Tabuisierung kennen sowie eine unendliche Zahl an erotischer Dichtung, darunter auch homoerotische. Es gab muslimische Theologen in der Vormoderne, die neben Korankommentaren kamasutraähnliche Bücher geschrieben haben. Meines Erachtens ist keine monotheistische Theologie so weit gegangen. Die erotischen Traditionen bei den Muslimen könnte man sogar mit der Kamashastra-Literatur im Hinduismus oder bestimmten Aspekten der Tantra-Lehre im Buddhismus vergleichen.

Dass es diese reiche Tradition innerhalb des Islams gibt, bedeutet natürlich nicht, dass alle Musliminnen der Welt ein erfülltes sexuelles Leben führen, oder dass alle muslimischen Männer die Befriedigung der Frau als höchstes Ziel verstehen. Aber es zeigt wohl: Nicht der Islam ist das Problem. Sondern, viel konkreter, manche Kulturen und lokalen Traditionen. Sich zu emanzipieren muss nicht heißen, sich vom Islam an sich zu emanzipieren – sondern von manchen Bräuchen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, die mit der Religion nicht viel zu tun haben. Der Islam als, wie Nietzsche ihn nannte, lebensbejahender Glaube ist nicht Teil des Problems. Er könnte vielmehr ein Teil der Lösung sein.