Wohin ihr euch hinwendet, dort ist das Antlitz Gottes

Gott ist das Positivste, das man sich vorstellen kann. Er ist frei von jeglichem Makel oder Nichtexistenz. In Ihm löst sich alles auf. Wenn wir sagen, dass der Islam die Hingabe zu Gott bedeutet, dann ist auch damit eine Beziehung zur Positivität in ihrem absoluten Sinne gemeint. Diese göttliche Positivität drückt sich dadurch aus, dass überall und in jedem Augenblick die Eigenschaften und Handlungen Gottes sich aufs Neue manifestieren. Muslim zu sein bedeutet u.a., aus dieser Perspektive ein Bewusstsein für diese Eigenschaften Gottes zu entwickeln.

Der auserkorene Prophet ﷺ lehrt uns, dass das Göttliche in unserem Leben sich so zeigt, wie wir halt über Gott denken. In einem Hadith lesen wir, dass Gott sagt: „Ich bin so wie mein Diener über mich denkt, so soll er über mich gut denken“. Negative Gedanken über Gott zu haben, sind im Endeffekt nur negative Gedanken über die eigene Welt und sich selbst. Nicht selten unterliegen wir in unserem Alltag der Illusion, dass es Räume, Menschen oder Momente gibt, die irgendwie leer sind, leer von der Göttlichkeit und leer von Sinn.

Diese Momente der Unachtsamkeit, wenn sie sich häufen und wenn das negative Denken die Oberhand gewinnt, mutieren uns zu Dualisten, die die Menschen in ausschließlich Gute und ausschließlich Böse teilen, wobei in der Wirklichkeit die beiden Kategorien stark vermischt sind, so dass in jedem von uns sowohl das Gute als auch das Schlechte existiert. Das Gute ist das Vorhandensein der Göttlichkeit und das Böse ist deren Abwesenheit. Hass und Groll sind beispielsweise im wahrsten Sinne des Wortes negative Eigenschaften, weil sie das Nicht-Vorhandensein bestimmter göttlicher Attribute reflektieren. Sie sind die leeren Stellen in dem Dasein des Menschen.

Der moderne Aktivismus, der oft auf einer materialistischen Philosophie basiert, ignoriert diesen Punkt. Und so sehen wir heute Muslime, die z. B. Hass, Rassismus oder Stigmatisierung bekämpfen wollen, aber in ihrem Aktivismus Gott so ignorieren, dass sie das Göttliche in den Menschen, gegen die sie „aktiv“ sind, ausblenden oder ihnen sogar diese Seite absprechen.

Wir haben gesagt, dass die negativen Eigenschaften, die übrigens jeder von uns trägt, wie Risse oder Leerstellen sind, in denen nichts ist, also das Gegenteil vom Sein Gottes. Auf diese „Risse“ reagiert man aber nicht, indem wir sie durch mehr Hass und negative Einstellungen vergrößern, sondern indem wir sie mit ihrem Gegenteil füllen, mit Sein und mit den Eigenschaften, die göttlich sind. Es geht nicht darum, gegen wen wir sind, sondern eher um die Fragen, was und wofür wir sind.

Eine gute Meinung von Gott zu haben, reflektiert sich auch darin, indem wir gut über diejenigen, die uns sogar schaden, denken. Der auserkorene Prophet ﷺ, Friede und Segen Gottes auf ihm, betete für seine Feinde, die ihn angegriffen haben, sogar auf dem Schlachtfeld. Von Jesus, Friede Gottes auf ihm, ist die Aussage „Liebet eure Feinde“ tradiert und bezüglich Pharao sagte Gott zu Moses, Friede Gottes auf ihm,: „redet mit ihm in sanften Worten, auf dass er bedenken oder sich fürchten möge“ 20:44. Das ist der prophetische Aktivismus. Sie waren aktiv gegen das Schlechte und Schädliche, aber ihnen war immer bewusst, dass erstens alles von Gott durchdrungen ist und zweitens, dass das Schlechte nur durch die gute Handlung, das gute Wort und den guten Gedanken zu überwinden ist.

Des Weiteren hat jeder und jede von uns die eigenen Erfahrungen mit der Manifestation des Göttlichen, die wir Welt nennen. Diese Erfahrung ist immer einmalig und sie ist nie sinnlos. Ein sich Gott hingebendes Bewusstsein stellt ständig die Frage, warum diese oder jene Erfahrung in seinem Leben aufgetaucht ist. Ein Sufi-Meister sagte einst: „Ich erkenne meinen schlechten Charakter in der Widerspenstigkeit meines Maultieres.“ Damit ist gemeint, dass bevor er mit dem Finger auf das Tier zeigt, er erst einmal die Kritik an sich selbst richtet und zwar: „Was habe ich getan, so dass Gott dieses Tier sich so verhalten lässt?“ Oder anders ausgedrückt: „Warum manifestiert sich Gott in diesem Maultier so?“  Anstatt Gott oder dem Tier die Schuld zu geben, sucht er erst einmal in sich selbst nach den Gründen. Das Beispiel dieses Sufi-Meisters kann auf jeden von uns übertragen werden.

Dies darf nicht pessimistisch verstanden werden, in dem Sinne, dass Gott uns ständig bestraft für unser Verhalten, vielmehr sind die Gründe unserer Erfahrungen im Sein vielseitig. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass wir die Rolle unseres Selbst nicht ignorieren. Dies geschieht allerdings, wenn man Gott vergisst. „Und seid nicht wie diejenigen, die Gott vergessen haben und die Er dann sich selbst vergessen ließ“ 59:19. Die Einstellung, das Verhältnis und Verhalten anderer Menschen zu uns, hängt auch von unserem Selbst und unseren Handlungen ab. Als Muslim kann man nicht die Dinge und die Menschen so wahrnehmen, als ob Gott nicht dahinter ist. „Sprich: Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich?“ 39:9.

Dieser Text erschien zuerst als Gastbeitrag auf der Seite Freitagsworte